Wer nicht putzt, der strauchelt
News vom: 26. März 2011 | Augusta

Das Theater Marie zeigt «Augusta» in der «Winkelwiese»

Katja Baigger – Die amerikanische Flagge ist als effektvolle Licht-Folie über die Szenerie auf der «Winkelwiese»-Bühne gelegt, die aus zwei verschiedenartigen Böden besteht – einem edlen Parkett und einem Gittergerüst aus Armierungseisen. Hier gilt: Wer nicht putzt, der strauchelt. Und: Vieles ist doppelbödig. Dazu tönt der immergleiche Song aus den Boxen, uramerikanisch ist der Refrain: «Do it!»

Diese Wendung mutet geradezu zynisch an im Hinblick auf das Schicksal der beiden Putzfrauen Molly (Mirjam Japp) und Claire (Francesca Tappa), die der Unterschicht angehören und mittels Intrigen versuchen, auf der Karriereleiter eine Stufe – oder ein «Stüfchen» – höherzukommen. Der amerikanische Autor Richard Dresser lässt seine Satire auf die Hackordnung in der Arbeitswelt aus dem Jahr 2006 in einer Küstenstadt im amerikanischen Gliedstaat Maine spielen, zumeist in der Villa der steinreichen Mrs Townsend, deren Böden gebohnert und deren Kronleuchter poliert werden wollen.

Mollys Status als erfahrene Putzfrau war unter ihrem ehemaligen Chef Tommy, dessen Geliebte sie ist, unangefochten. Nun ist es damit vorbei. Jimmy (Michael Schwyter) wird Regionalchef des Putzunternehmens mit der «goldenen Garantie», dass die Fussböden auf den Knien gebohnert werden. Er stellt Claire ein, eine gutaussehende Mitarbeiterin, die aber nur den Lehrlingslohn erhält. Seit ihr Freund nach einer Folterepisode im Irak aus der Armee entlassen wurde, ist sie die Versorgerin. Sie beneidet Molly um den höheren Lohn und schwärzt sie bei Jimmy an – bald ist Claire die Teamleiterin.

Als sexuell frustrierter Ehemann wittert Jimmy bei der aufstiegswilligen Claire die Möglichkeit auf einen Seitensprung: «Sie sind sehr attraktiv, fast schon schön», schmeichelt er ihr und lädt sie auf die Firmenjahrestagung in Augusta ein. Claire hofft auf einen Karrieresprung, doch Jimmy hat sie dort gar nie angemeldet. Es bleibt die Möglichkeit, die Silberlöffel von Mrs Townsend zu stehlen für ein schöneres Leben. So geschieht es, worauf Jimmy entlassen wird.

Die Produktion des Aarauer Theaters Marie ist süffig. Nils Torpus' Inszenierung der Schweizer Erstaufführung überzeugt, nicht zuletzt auch dank Renato Grobs Bühnenbild. Die einfache, aber raffinierte Idee zweier unterschiedlicher Böden ist eine Metapher nicht nur für die Gesellschaftsschichten, sondern auch für das unsichere Terrain des Arbeitsmarkts, auf dem man jederzeit straucheln kann. Schliesslich versinnbildlicht sie auch die Doppelbödigkeit der Dialoge.

Zürich, Theater Winkelwiese, 24. 3.
Weitere Aufführungen: 26. 3., 31. 3. bis 2. 4., 7. 4. bis 9. 4., jeweils 20.30 h.

Neue Zürcher Zeitung, Zürich 26.03.2011

 
.hausformat | Webdesign, Typo3, 3D Animation, Video, Game, Print