Theater «Moby Dick» als lebendiges Puppenspiel
News vom: 05. Februar 2011 | Moby Dick

Zürich, Theater Stadelhofen – Rot spritzt das Blut, und dunkel gurgelt das Meer; schrill gellt Captain Ahabs letzter Schrei durchs Brausen, dann reisst der leichentuchweisse Wal seinen Jäger in die ewige Schwärze: Der Riemen der Harpune hat sich um Ahabs Hals gewickelt, und er sinkt und sinkt und sinkt.

Herman Melvilles Roman «Moby Dick» (1851) ist das Opus magnum des amerikanischen Meisters und grosses Drama dazu. Und es passt doch in eine kleine Unterwasserwelt aus wenigen Aquarien: Schauspieler Michael Schwyter spuckt Blutfontänen, ein Ventilator wirbelt Wellen in ein Becken, und Moby Dick ist nichts als ein dünnes Stück Holz. Trotzdem könnte man sie auf der Bühne kaum lebendiger erzählen, die Geschichte von Seemann, Tod und Teufel, die um Recht und Rache ringen. Es ist, als ob der Puppenmagier Neville Tranter Pate gestanden hätte mit seinem Faible fürs Abgründige und seiner Fingerfertigkeit mit den Klappmaulpuppen, deren Augen immer so unheimlich glitzern. Und es stellt sich heraus: Er war der Puppencoach, als das Aargauer Theater Marie seine anderthalbstündige Version des Klassikers für Jugendliche entwickelte. Da entführt uns der kindliche Ishmael in die düstere Welt aus Schattenschiffen, in denen einer regiert, der aussieht wie von Giacometti entworfen. Simone von Büren wiederum hat die Bühnenfassung zwar hart am Plot entlang geschnitten, stellt aber die Kraft der Sprache genauso aus wie die grundsätzlichen Fragen, die das Buch aufwirft; und nicht zuletzt die unsterblichen Quotes. Das alles verlangt (Puppen-)Spielerin Miriam Japp eine Menge ab. Aber sie beweist eine eigene Meisterschaft: im Erzähl-Zaubern auf der Bonsai-Bühne. Alexandra Kedves Nächste Vorstellungen 3./4. Februar.

Tages Anzeiger, Zürich 5.2.2011

 
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