Karaoke und Bauchtanz
News vom: 07. Mai 2011 | Quartett

Theater - Anke Bußmann inszeniert an der Tonne Heiner Müllers «Quartett» als Rollenspiel gegen die innere Leere: Demütigung ist immer noch besser als nichts.

Reutlingen. Der Funke springt nicht über. Hilflos wirken die Akteure in ihrem nicht nachlassenden Versuch, sich mit einem offensichtlich leeren Feuerzeug eine Zigarre anzuzünden. Hilflos und komisch. Anstelle von Feuer oder Genuss ist da - nichts. Verrinnende Zeit, mechanische Wiederholung. Leerlauf, wie in der Beziehung der beiden zueinander, der jedes Glimmen, jede Leidenschaft fehlt. »Chinesisch?«, fragt einer den anderen. »Lieber italienisch«, bekommt er als Antwort. Am Ende schneit der Pizza-Bote (Raoul Muck) herein und rezitiert Heiner Müller, dessen Zynismus und Geschichtspessimismus einen Theaterabend lang wortmächtig über allem liegt.

Anke Bußmann hat Müllers Zwei-Personen-Stück »Quartett« an der Tonne - in Kooperation mit dem Aarauer Theater Marie - mit Sinn für die Tragik und die Lächerlichkeit der Figuren inszeniert. Fußend auf dem Briefroman »Gefährliche Liebschaften« von Choderlos de Laclos aus dem Jahr 1782 hat der Autor 200 Jahre später eine zugespitzte, auf zwei Kontrahenten verdichtete Bühnenversion des Klassikers vorgelegt. Bußmann besetzt beide Rollen mit Männern und findet in Nils Torpus und Eric van der Zwaag großartige Darsteller. Im Bühnenbild von Simone Manthey, das zwischen Turnkasten und Fernsehsessel vor allem Miefigkeit suggeriert, und in den von Christine Haller entworfenen, abgerissen wirkenden historischen Kostümen vermitteln sie die Endzeitmüdigkeit eines Paares, das durch Verstrickungen, Gewohnheit und unerfüllte Sehnsucht aneinandergekettet ist.

Selbstzerstörerische Spiele

Nur eine Lust ist ihnen im Hamsterrad der inneren Leere geblieben: das Spiel »Ich vernichte, also bin ich«. Es genügt, dass einer von beiden sagt: »spielen wir«, schon zieht der andere mit. Verlockend ist für beide die Vorstellung, einander wechselseitig in den Abgrund ihres selbstzerstörerischen Ränke- und Verführungsspiels zu ziehen. Zum Ritual gehört, dass der Wolf Kreide frisst und seine wahren Absichten verschleiert.

Die Erniedrigung wird ebenso hingenommen wie der Rollentausch, solange sich das Nichts dadurch bannen lässt. Mit Klebezetteln an der Stirn (»Bin ich tot? Bin ich Hitler?«) weisen sie sich gegenseitig Identitäten zu, finden zwischen einem rührseligen Disney-Film auf der Mattscheibe, Karaoke und Bauchtanz aber nie etwas »Echtes« außerhalb von Intrige und Demütigung.

Gebetsmühlenartig lassen sie Heiner Müller in O-Ton-Einspielungen immer wieder die dramaturgischen Kniffe des Stücks erläutern, um daraufhin in ihre Rollen zu schlüpfen. Nebenparts inbegriffen. So versteht es Torpus als Vicomte Valmont, eine keusche Klosterschülerin (van der Zwaag) mit einer Tüte Chips zur Ekstase zu bringen, auch, indem er ihr die aufgedruckten Qualitätsbeteuerungen des Schweizer Herstellers vorliest. Den Tod der verführten und anschließend fallen gelassenen Präsidentengattin Tourvel exerzieren die Darsteller gemeinsam durch: Torpus mit Worten, van der Zwaag, indem er sich ersticht, den Kopf in die Mikrowelle steckt und sich mit einer luftleeren Sexpuppe stranguliert.

Schlussbild ist eine glimmende Zigarre im dunklen Raum, die sich van der Zwaag diesmal mit einem Streichholz angesteckt hat und die Erlösung zumindest für den Moment verspricht. Ein sehenswerter Abend dank wandlungsfähigen Darstellern und einem stimmigen Regiekonzept. - (Christoph B. Ströhle, Reutlinger General-Anzeiger, 07.05.2011)

 
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