Justine auf Ecstasy
News vom: 07. Mai 2011 | Quartett

Reutlinger Tonne reüssiert mit Heiner Müllers QUARTETT

Unterm Strich

Soll einer sagen, modernes Theater sei gähnend langweilig. Anke Bußmann inszeniert Heiner Müllers „Quartett“ als Feuerwerk an Regieeinfällen, kongenial umgesetzt von den blendend aufgelegten Akteuren Nils Torpus und Eric van der Zwaag. Ein Spiel auf vielen Ebenen zwischen höherem Blödsinn und abgründiger Philosophie, brüllend komisch und todtraurig.

Reutlingen. „Die Zeit ist das Loch der Schöpfung, die ganze Menschheit passt hinein.“ Heiner Müller machte 1980/81 in „Quartett“ den Geschlechterkampf zur morbiden Parabel auf die menschliche Gattung. Anke Bußmann hat das Stück lustvoll an der Reutlinger Tonne inszeniert. Am Donnerstag war gefeierte Premiere. Irgendwo zwischen einem Salon der französischen Revolution und einem Bunker nach dem Dritten Weltkrieg ist Müllers Stück laut Regieanweisung angesiedelt. Die Vorlage „Gefährliche Liebschaften“ von Laclos, hat der Autor nach eigenem Bekunden nie richtig gelesen - als Quelle nannte er Heinrich Manns Vorwort zu dessen Übersetzung. Im Unterschied zum moralischen Anspruch von Laclos interessieren Müller die zynischen Akteure, die ihre Partner lediglich instrumentalisieren. Daraus wird ein regelrechter Vernichtungskampf zwischen den Geschlechtern.

Vom Figureninventar bleiben die zynische Marquise de Merteuil und der ruchlose Vicomte de Valmont. Bei Bußmann gespielt von zwei Männern, mit aufgeschminktem Kussmund und in Unterwäsche wie aus dem 18. Jahrhundert (Kostüme: Christine Haller, die Maske ist von der Reutlinger Visagistenschule Roscini Beauty Live). Eric van der Zwaag, der die Marquise spielt, schlurft vor Beginn im Bademantel mit Bierflasche völlig fertig durch die Zuschauerreihen, Nils Torpus vom Aarauer Theater Marie hockt apathisch auf der Bühne - abwartend und Tee trinkend. Zu Beginn will er sich eine Zigarre anstecken, einst das Markenzeichen Heiner Müllers. Doch das Feuerzeug tut nicht. Dazu ertönt depressive Musik. Das Licht im Zuschauerraum machen die Akteure nach einer Viertelstunde aus, sie spielen nebenbei Beleuchter.

Karaoke zu Kitschliedern

Alles ist vorbei in diesem Endzeit-Szenario. „Unser erhabener Beruf ist, die Zeit totzuschlagen“, sagt Valmont. Simone Mantheys Bühnenbild ist ein Sammelsurium von Möbeln, einem Barren, Mikrowelle, Fernseher und Videokamera. Unterhaltungselektronik spielt eine tragende Rolle. Zu den sexistischen Zoten der Akteure filmen sie abwechseln einander und das Publikum, singen Karaoke zu alten Kitschliedern, keinen Ton richtig treffend, studieren den Bestellzettel vom Pizzaservice. Ein verrücktes Paar, das sich längst abgrundtief hasst. Sie bleiben sich keine Antwort schuldig.

Zwaag flätzt lasziv auf dem Barren, Torpus bläst als Verbalerotiker zur Hatz auf die nächste Jungfrau. Sie kleben sich Zettelchen mit Namen auf die Stirn, leiern ein lustiges Promi-Raten an, von Hitler bis George Clooney. Später tauschen sie die Geschlechterrollen, per Tonband anmoderiert von Meister Müller himself. Zwaag versucht (jetzt tatsächlich mit Perücke) in einem eindrucksvollen Zwischenspiel, als Valmont die tugendhafte Präsidentengattin Madame Tourvel zu verführen (Torpus spielt sie mit viel Abstand, ehe die beiden einander auf offener Bühne bespringen). Danach baggert Torpus als Valmont die jungfräuliche Nichte der Merteuil an. Zwaag mimt diese Volange mit hohen Lustseufzern – als Phallus dient eine aufgeblasene Chipstüte im Schritt des Helden. Zum Brüllern: Torpus liest lustvoll den Beipackzettel, Zwaag stöhnt bei jeder PR-Schraube der Schweizer Chipsfabrikanten heftiger. Es folgt ein kurzer Koitus auf der Schreibmaschine, ein absurdes Ballett, zuletzt schreien sie abgehackt den immer destruktiveren Text – bis zur Erschöpfung.

Zurück zu den Hauptfiguren. Valmont schluckt Pillen und erbricht sich, die Merteuil reicht ihm den Eimer. Der Marquis de Sade lässt grüßen, streckenweise mutet die Inszenierung an wie de Sades Heldin Justine auf Ecstasy. Zum Video des französischen Chansons „Ne me quitte pas“ probt Zwaag als Merteuil den Selbstmord. Will sich am Scheinwerfer aufhängen, mit Dartpfeilen erstechen, den Kopf in die Mikrowelle pressen, sich mit einer Gummipuppe erwürgen. Natürlich vergebens.

Müllers Ende, in dem sie Valmont vergifteten Wein serviert, flimmert nur als Zitat in großen Lettern über den Fernsehschirm, Torpus spricht Satzfetzen daraus. Tonne-Praktikant Raoul Muck liefert zuvor als Pizzabote was zu essen, zitiert einen vieldeutigen Müller-Text aus „Zement“ übers Versteckenspielen, und zuletzt tafeln die Protagonisten wortlos am hinteren Bühnenrand. Zwaag bringt endlich Müllers Phallus-Zigarre zum Kokeln und schmaucht. Die Zeit verstreicht weiter. Nicht totzukriegen. - (Matthias Reichert, Schwäbisches Tagblatt, 07.05.2011)

 
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