Theater Marie
Im Loch der Langeweile
Theater Marie Aarau-Premiere von Heiner Müllers «Quartett»
Es ist wieder eine dieser unmöglichen Ortsangaben, die der deutsche Dramatiker Heiner Müller (1929–1995) seinem Stück «Quartett» vorangestellt hat: In einem Salon vor der Französischen Revolution soll es spielen. Und in einem Bunker nach dem Dritten Weltkrieg. In diesem Unort liegt – komprimiert – der Abfall zweier Leben, den zwei gelangweilte Adelige ihrer Zeit abgerungen haben: Die Bühne – in der Version des Theaters Marie grossartig von Simone Manthey in Szene gesetzt – ist die Müllhalde ihrer Zerstreuung: Dartpfeile, Zigarrenstummel, Spielkonsole, Essensreste. Im Kühlschrank liegt Müllers Stück «Quartett» neben Schachbrett und Schlaftabletten. Über allem: der Staub der Jahrhunderte.
Eitle Selbstbespiegelung
Vicomte Valmont und Marquise Merteuil, das teuflische Duo aus Choderlos de Laclos berühmtem Briefroman «Gefährliche Liebschaften» von 1782, hat ein Problem: Den gewissenlosen Meistern des Spiels und der intriganten Liebschaften sind in der Version Heiner Müllers die Mitspieler abhandengekommen. Regisseurin Anke Bussmann, die das teuflische Mann-Frau-Gespann mit zwei verlebten Männern (Nils Torpus, Eric van der Zwaag) besetzt hat, staffiert das 2-Personen-Stück mit den Requisiten unserer Freizeitkultur aus: Im Loch der Langeweile wird die Masturbation oder das Anzünden der Zigarre zur lebensfüllenden Operation, pathetisch-leidenschaftliche Dialoge zu Monologen eitler Selbstbespiegelung. Etwa, wenn Merteuil beim Sprechen das kalte Kameraauge auf sich richtet, um sein männliches Gegenüber aus dem Blick zu bekommen, und Valmont gähnend Pizza-Lieferkarten studiert, während seine Mitspielerin zynisch von Liebe spricht.
In dieser tödlichen Langeweile wird sogar die Todesangst mit Lustgewinn ausgeschlachtet. Mit trägen Gesten versenken sich die beiden Figuren in das Angebot, das unsere Kultur für die romantische Liebe bereithält: Dröhnen sich mit Karaoke und Schmusegesang aus der Fernsehkiste zu, und sind dabei so nüchtern, wie es nur gehen kann. Um doch noch eine Partie im Quartett zu spielen, hilft zuletzt nur noch der Rollentausch: Vicomte wird zur Frau, Merteuil zum Mann, und belebt vom Spieltrieb kippt die Lethargie in eine feierliche Stimmung, in der die beiden überzeugend Ehe- und Jungfrauen verführen.
Der intelligenten Inszenierung des Theater Marie gelingt es dabei, das ironisch-pathetische Textgewitter Müllers, welches im Duktus des «Vater Unser» ein Sündenregister nach dem anderen herunterleiert, mit alltäglichen Zwischenkommentaren herabzubrechen auf das, was es ist: Ein Spiel, das nur die Angst vor der Selbsterkenntnis vorantreibt. Oder mit dem Quartett gesprochen: «Stell dir vor, wir müssten wühlen im Abfall der Jahre.» Sehenswert. - (Julia Stephan, Aargauer Zeitung, 09.12.2011)
