Theater Marie
Ein Theater voller singendem Müll
Kindertheater In der Tuchlaube Aarau zeigt das Theater Marie das Projekt «Güsel» und animiert Kinder zum Mitmachen
Der Müllsack wacht auf, befreit sich aus seinem Eimer unter dem Waschbecken in der Küche, robbt in die Mitte der Küche, gähnt und sackt zusammen. Oder kann der Müllsack etwa sprechen? Ja, im Theaterstück «Güsel» des Theaters Marie kann der Müllsack sprechen, und wie. Doch was er sagt, ist Müll. Da kommt die gelbe Banane (Andi Peter) angelaufen, frisch vom Baum, ohne braune Dellen. Sie ekelt sich vor dem Müllsack, dieser stinkt. Doch sie ist kreativ und macht aus dem Müll, den der Güselsack von sich gibt, Musik.
Der grosse Müllsack – gespielt von Francesca Tappa – gibt seinen Inhalt preis: Kaugummis, nasse Teebeutel, Apfelkerne, Plastiksäcke. Was hat ein verbrauchter Teebeutel über sein Leben vor dem Bad im siedend heissen Teewasser zu sagen? Wie bewegt sich ein zerkauter Kaugummi? Wie sieht eigentlich der Gestank aus, der gemächlich im Müllsack ruht?
Erstes Kindertheater
Bisher suchte man im Repertoire des 1983 gegründeten Theaters Marie vergebens ein Theaterstück für Kinder. Erst jetzt haben sie es gewagt, in diese neue Welt vorzudringen. Sie wollen sich damit beim jüngeren Publikum einen Namen machen. «Die Kinder sind das Publikum von morgen. Wollen wir also, dass die Erwachsenen morgen bei uns im Publikum sitzen, müssen wir heute für die Kinder spielen», lautet die Begründung.
Das Kindertheater «Güsel» ist konzipiert nach der Idee der Schauspielerin Francesca Tappa. «Ich habe mir überlegt, dass es interessant wäre, statt Menschen Gegenstände zu spielen», sagt sie. «Ein Abfallsack eignet sich gut, da er sehr viele Gegenstände in sich birgt, denen man Leben einhauchen kann.» Auch für Francesca Tappa ist es das erste Kindertheater, in dem sie mitwirkt. Es wird viel mit Musik und Bewegung gearbeitet, die Sätze sind kürzer. «Wir spielen trotzdem ernsthafte Charaktere, auch wenn es nur ein Kaugummi, ein Teebeutel oder ein Apfelkern ist», sagt sie.Als Autor hat das Team den Lyriker und Musiker Raphael Urweider verpflichtet. Denn sein Gedicht «De Gstank» hat alle sofort überzeugt. Ein Auszug:
Niemerd hätt mich gern
kein mänsch isch vo mir fän
nur würm, made und flüüge
chan ich vo mir überzüüge.
Ein Stück mit Hintergedanken
Das Theaterstück «Güsel» ist aber mehr als nur ein rein unterhaltsames Theater für Kinder. Ziel ist es, die Kinder über die sinnliche Wahrnehmung aufmerksam zu machen auf das, was um sie herum geschieht. Auf die verbrauchten Gegenstände im Alltag und auf das achtlos Weggeworfene. Und dahinter stecken Themen wie Ökologie, Recycling oder auch Globalisierung. Denn woher kommen die Gegenstände im Müllsack? Aus Brasilien, Indien, China oder doch aus der Schweiz? Vielleicht finden sich auch Dinge im Müllsack, die noch wachsen können, wie der Apfelkern. Und es zeigt den Kindern – und auch den Erwachsenen – auf spielerische und humorvolle Art und Weise, dass die Tendenz zunimmt, kurz entschlossen Altes wegzuwerfen und Neues zu kaufen.
Rund eine Stunde dauert das Stück um den singenden Müllsack, die Banane und die lebendigen Müllgegenstände. Die Kinder werden Teil des Geschehens und helfen zum Beispiel mit, so fest zu pusten, dass sich der Plastiksack im Wind bewegt. Nach dem Stück wird es für die Kinder einen Workshop geben, in dem sie das Erfahrene spielerisch verarbeiten können. Sie können das im Stück Erlebte nachspielen und auch eigene Ideen umsetzen. So entdecken die Kinder die Tuchlaube-Bühne als ihr Spielfeld und verwirklichen ihre Vorstellungen. – Christine Fürst, Aargauer Zeitung, Foyer Live
