Theater Marie
Die Arbeitswelt als Schlachtfeld
Kleintheater
Wer unten ist, bleibt unten oder träumt davon, wie es anders sein könnte: Das Theater Marie zeigt die Nöte bei der Arbeit.
Molly und Claire arbeiten bei einem Putzinstitut. Ein neuer Chef kommt ins Haus und gibt gestenreich seinen Tarif durch. Ein Chef, der nur aus Ankündigungen und Andeutungen besteht. Dazu hat er eine verklemmte Art, seine sexuellen Nöte abzusondern. Er hat ein Auge auf Claire geworfen, Molly scheint für ihn uninteressanter, da sie mit seinem Vorgänger etwas am Laufen hatte.
Uraufführung
Sind wir in einem Beziehungsschwank? Es ist ein Arbeiterstück, auch wenn uns nicht gleich Brecht in den Sinn kommt. «Augusta» wurde vom Amerikaner Richard Dressers geschrieben, die Inszenierung der deutschen Fassung (Marius von Mayenburg) bringt das Theater Marie in einer Uraufführung auf die Bühne (Regie: Nils Torpus).
Für eine «bitterböse Satire über den Arbeitsmarkt als Schlachtfeld der Rücksichtslosigkeiten» (Programmheft) ist das Stück zu flau. Die Kritik an den Strukturen und ihren Bedingungen bleibt auf der Strecke. Vielleicht wäre eine solche heutzutage auch nicht mehr goutierbar, es sei denn, das Stück bliebe einem im Hals stecken. Aber das tut es nicht. Es hat einen gewissen Witz, ansonsten bleibt es nett und bildet ab. Ein Prekariat auf hohem Niveau.
Die Verhältnisse und wie man mit ihnen umgeht, sind anders geworden. Auch auf der Bühne: So wie die einstmalige Wucht des freien Theaters vom etablierten Theater aufgesogen ist, so scheint auch die Gesellschaftskritik vom allgemeinen Wohlfühlverhalten bereits einverleibt. Als Resultat befinden wir uns in Geschichten, in denen sich die Protagonisten wie im Lokalfernsehen durchs Leben bugsieren.
Nach und nach werden die Hintergründe von Molly und Claire und von Jimmy (Chef) enthüllt. Beide Frauen haben Männer zu Hause, die «zu nichts zu gebrauchen sind». Sie haben es sich in ihrem Sozialelend bequem gemacht. Also gehen die Frauen putzen. Wollen weiterkommen. Sind versucht, sich dafür auch in die Schale der Verführung zu werfen. Alles halb so wild. Wie Jimmy sie umgarnt und gegeneinander ausspielt, geschieht locker und ist auch gar nicht anders zu erwarten.
Heimlifeiss
Claire darf mit an die Firmentagung in Augusta, wo ihre Hoffnungen, wichtige Fäden knüpfen zu können, schon im Hotelzimmer von Jimmy zerknüpft werden. Als auch noch das Silberbesteck der wichtigsten Kundin, einer alten Millionärin, verschwindet, nimmt die Geschichte fast noch einen kriminalistischen Schlenker, um dann in ein überraschendes Finale mit der heimlifeissen Molly zu münden.
Das Beziehungsgeflecht der drei Personen und wie sie sich durchhangeln, bekommt man vom Theater Marie fast wie eine Komödie serviert. Nur der Boden (Bühne: Renato Grob) hat Zähne: Ineinander verhakte Armierungseisen, die dem Spiel zwischen Aufbegehren und Anpassen eine hilflose Note verleihen. «Was haben wir zu verlieren?» ist der letzte Satz von Molly, und die Moral von der Geschicht’ denkt folgerichtig: Nichts.
Pirmin Bossart
stadt@ich-will-keinen-spamluzernerzeitung.ch
Weitere Vorstellungen: Heute Freitag und morgen Samstag, 20 Uhr, Kleintheater Luzern.
© Neue Luzerner Zeitung; 15. April 2011
