Theater Marie
«Alle Bewerber müssen atmen können»
Richard Dressers «Augusta» vom Theater Marie als Schweizer Erstaufführung auf die Bühne gebracht spielt in den USA. Die Arbeitsmarktsatire spiegelt aber auch die sozialen Realitäten der Schweiz. Von Adrian Riklin
Seit 2004 gilt in der Deutschschweiz der Gesamtarbeitsvertrag (GAV) für Putzfrauen und -männer in Betrieben mit mindestens sechs MitarbeiterInnen. Der Lohn hat sich seither für rund 40 000 Angestellte in der Reinigungsbranche leicht verbessert. 2003 betrugen die Mindestlöhne noch 15.50 Franken pro Stunde in der untersten und 16.20 in der höchsten Lohnstufe. Seit der Aufbesserung 2004 erhalten Reinigungsangestellte 17.05 bis 17.55 Franken. Besser qualifizierte ArbeiterInnen in der Spezialreinigung verdienen neuerdings zwischen 19.50 und 26.50 Franken pro Stunde (siehe WOZ Nr. 48/10).
Diese Verbesserungen, wozu auch die Reduktion der Arbeitswochenzeit von 44 auf 42 Stunden gehört, dürfen nicht darüber hinwegtäuschen: Ein grosser Teil der rund 100 000 Putzleute in der Schweiz arbeitet noch immer ohne GAV und damit auch ohne den Schutz vor prekären Arbeitsbedingungen.
Auf gefährlichem Terrain
Das Stück «Augusta» des US-amerikanischen Autors Richard Dresser, das vom Theater Marie als Schweizer Erstaufführung gezeigt wird (deutsche Übersetzung: Marius Mayenburg), spielt zwar in den Vereinigten Staaten, wo die Arbeitsbedingungen in der Reinigungsbranche noch prekärer sind. Die Satire über den Arbeitsmarkt funktioniert aber in vielen Teilen auch als Spiegel für die Realitäten in der Schweiz.
Ein solches Stück über prekäre Verhältnisse könnte auch auf dem Bau, in der Pflege oder in der Gastronomie spielen. Was die Reinigungsbranche für die Bühne so interessant macht, ist die Doppelbödigkeit, die dieser Arbeit innewohnt. Dreckentfernung ist ein Arbeitsfeld, das die Perversion zeitgenössischer Ausbeutung in vermeintlich zivilisierten Gesellschaften besonders anschaulich zum Ausdruck bringt.
ProtagonistInnen sind Molly (Miriam Japp) und Claire (Francesca Tappa), die für weniger als den Mindestlohn in einem nationalen Putzunternehmen im Bundesstaat Maine arbeiten, sowie Jimmy (Michael Schwyter), der neue Leiter in der Regionalverwaltung des Unternehmens. Die SchauspielerInnen agieren in einem Bühnenbild (Renato Grob), das die Prekarität der Situation eindringlich aufnimmt: Nackte, ineinander verhakte Armierungseisen bilden ein gefährliches Terrain, auf dem sich die Episoden aneinanderreihen.
Regisseur Nils Torpus verzichtet konsequent auf die choreografische Vielfalt, die solch variantenreiche Körperarbeit anbieten würde. Die Bewegungen bleiben skizziert. So richtet sich die Aufmerksamkeit auf die Sprache. Und darin, in der präzisen Ausarbeitung der Dialoge, liegt die Stärke der Inszenierung. Die SchauspielerInnen erweisen sich als MeisterInnen ihres Fachs.
Da ist keine Bewegung zu viel, keine Geste zu gross und kein Ton zu hoch, der die hörspielartigen Dialoge verwackeln würde. Sicht- und hörbar werden so die Abhängigkeitsverhältnisse unter den Figuren: Molly, die ältere, die sich vor Claire, der Neueinsteigerin, behaupten muss; Claire, die sich gegenüber Jimmy auf die Rolle einer sexuell attraktiven Frau reduziert sieht; Jimmy, der Claire Avancen und falsche Versprechungen macht («Sie sind eine angenehme Erscheinung - ich sage das nicht, um Sie sexuell zu belästigen; höchstens im positiven Sinn.») und sich in seiner Doppelrolle als Vorgesetzter und Untergebener quasi aufspaltet: Die Spielregeln, die das System vorgibt, fressen sich in die Beziehungen hinein.
In diesem Mikrokosmos ist alles Private immer auch «politisch»: Jimmy hat sich die stupiden Leitsätze des Unternehmens scientologyartig verinnerlicht, sodass diese wie Leitungswasser aus seinem Mund schiessen: «Das ist ein Nationales Unternehmen hier - und Sie sind ein Teil davon!»
Dresser führt die Bausteine solcher «Unternehmenskultur» glasklar vor Augen: Das Stück zeigt sarkastisch zugespitzt, wie ein System, das auf Loyalität gegen oben basiert, die Konkurrenz und die Denunziation unter den Angestellten provoziert. Die Frauen, die beide um die Position der Teamleiterin kämpfen, werden systematisch gegeneinander ausgespielt. Molly und Claire sind zugleich Konkurrentinnen und Schicksalsgenossinnen; sie verraten sich ebenso, wie sie versuchen, sich zu solidarisieren.
Am deutlichsten wird die Perversion an jenen Stellen, in denen direkt oder indirekt aus internen Vorschriften und Prospekten des Unternehmens zitiert wird: «Alle Bewerber müssen atmen können», steht in den Unterlagen. «Es ist strengstens untersagt, etwas zu berühren, ausser um es zu putzen», warnt Jimmy; und Molly, die sich keine Schmerzmittel gegen ihre Rückenschmerzen leisten kann, macht Claire an ihrem ersten Arbeitstag darauf aufmerksam, die Firma werbe damit, «dass der Boden mit den Händen und auf den Knien geputzt wird».
Auf den Knien
In der Villa ihrer grössten Kundin erhalten Molly und Claire einen unmittelbaren sinnlichen Einblick in die Welt der Superreichen. Derweil Molly im Tagebuch der Hausherrin von deren Sehnsucht nach der «Natürlichkeit und Einfachheit» im Leben armer Leute liest, kommt Claire im Wortsinn auf den Geschmack: «Dieses Leben da draussen - ich kann es sehen, ich kann es schmecken, ich kann es fast berühren.»
So weit lässt es Dresser nicht kommen. Szene für Szene lässt er seine Figuren sich in neue Abhängigkeiten verstricken. Der Aufstieg innerhalb eines solchen Systems hinterlässt seine Spuren. Und auch der Ausstieg bleibt nicht ungestraft. Das Stück zeigt keinen Ausweg aus der Misere. Nichtsdestotrotz: Das Premierenpublikum im Theater Tuchlaube in Aarau war begeistert. Vielleicht müsste man eine Zusatzvorstellung machen: für Putzfrauen und -männer. Falls sie an diesem Abend gerade Zeit haben.
«Augusta» in: Aarau, Theater Tuchlaube, Fr/Sa 18./19. März.
Zürich, Theater Winkelwiese, Do, 24., Sa, 26., Do, 31. März; Fr/Sa, 1./2., Do-Sa, 7.-9. April.
Luzern, Kleintheater, Mi, 13., Fr/Sa, 15./16. April.
Steckborn, Phönix-Theater, Do, 28., Sa, 30. April, 20.15 Uhr.
Bern, Tojo Theater Reitschule, Di-Fr, 17.-20. Mai. www.theatermarie.ch
Die Wochenzeitung, 17.03.2011
