Theater Marie
Von grossen, pochenden Herzen
In «Erste Liebe» machen vier sympathische Akteure aus der Schweiz und Weissrussland aus ihren Verliebtheiten luftiges Erzähltheater.
Mit einem charmant russisch gefärbten «Challo!» begrüsst Yauheni Korniag das Publikum, und sein Gedicht, das aus dem auswendig gelernten Sätzchen «Tut mir leid. Ich bin nicht von hier» besteht, schlägt sofort eine Brücke zu den Zuschauern. Korniag und Alesia Samachavec sind jene zwei Akteure aus Weissrussland, die das Aarauer Theater Marie für sein grenzübergreifendes Stück «Erste Liebe» eingespannt hat (siehe «Bund» vom 21. Januar). Und darum gehts: um die wahren Geschichten der ersten Verliebtheit von vier Schauspielern. Scharnier des Abends und Held der Arbeit ist dabei der Übersetzer Andreas Kerbs, der elegant zwischen den Sprachen vermittelt.
Es sind vier Variationen jenes grossen Gefühls, vier Liebesgeschichten aus unterschiedlichen Welten, die an diesem Abend skizziert werden. Francesca Tappa umreisst die Atmosphäre der frühen Achtzigerjahre in Zürich, hüllt die Opernhaus-Krawalle in rasanten Slapstick und berichtet blumig von ihrer Liebe zur Kindergärtnerin. Sie zeichnet das Bild von zwei pochenden, wachsenden Herzen, die sich innig aneinanderschmiegen. Für Yauheni aus Minsk war mit 13 die Kindheit weitgehend vorbei, und er erzählt, wie er sich in ein gefallenes Mädchen verliebte – was ihn vier Tage beflügelte und zehn Jahre lang grübeln liess. Alesias erste Liebe dagegen war nachhaltig: Sie schildert eindrücklich ein Gotteserlebnis als tiefen Glücksmoment, für den sie sogar hätte sterben können.
Und Philippe Graber schliesslich, er ist der Hanswurst, der sich in seiner Geschichte als obercoolen Teenager darstellt, der auf einer Party souverän die Angebetete erobert. Später gesteht er allerdings, dass das meiste davon geflunkert sei – und er nur jener picklige, schüchterne Zwölfjährige war, der vom Vater bis aufs Blut blamiert wurde. In diesem Moment weicht die Gemütlichkeit einer Märchenstunde, denn hier tauchen Fragen auf nach der Authentizität der Geschichten, hier werden auch die Schauspielertricks offenbar, die eine Geschichte effektvoll erscheinen lassen – waren die Tränen in Alesias Augen wirklich echt? Nützt sich eine Geschichte ab, wenn man sie öfter erzählt? Leider bohrt die Inszenierung von Nils Torpus und Katsiaryna Averkova hier nicht tiefer. Dafür behält «Erste Liebe» seine Luftigkeit. Schliesslich ist es auch schon ein grosses Vergnügen, Schauspielern zuzuschauen, die sich ganz offensichtlich gut verstehen. Über alle Sprachgrenzen hinweg.
Regula Fuchs Der Bund; 29.01.2010
Der kleine Bund