Revue der grossen Gefühle

29. Januar 2010

Ob in Weissrussland oder in der Schweiz: Die erste Liebe prägt. Das Theater Marie wühlt im Schlachthaus humorvoll und grenzüberschreitend in den Erinnerungen an klopfende Herzen, unsichere Küsse und zerbrochene Träume.

Können Sie sich vorstellen, dass eine Wurst das Ende eines Theaterabends virtuos einleitet? Oder haben Sie gewusst, dass Waffeln in Weissrussland etwa zehnmal süsser sind als in der Schweiz? Und dass beides mit der ersten Liebe zusammenhängen kann? Unter der Regie von Nils Torpus begibt sich das Theater Marie auf eine Erkundungsreise rund um das Thema Liebe, um Fragen zu beantworten und neue zu stellen. Die freie Gruppe aus dem Aargau ist bekannt dafür, dass sie ohne Berührungsangst neue Formen jenseits gängiger Gattungsgrenzen sucht. Für ihr neuestes Projekt hat sie gleich auch noch die Landesgrenzen überschritten, um sich in «Europas letzter Diktatur», wie Weissrussland auch genannt wird, dem Fremden anzunähern. Entstanden ist daraus ein schön komponierter Theaterabend über die universelle Erfahrung der Liebe und die individuellen Einflüsse der Umgebung darauf.

Jahrelange Nachwehen

Ob Minsk oder Luzern, die erste Liebe hat sich überall ziemlich ähnlich angefühlt. Auch jahrelange Nachwehen gehören hüben wie drüben zur Liebe, wie der Schnee zum Winter. Egal ob das Herz noch heute laut klopft wie bei Schauspielerin Francesca Tappa, wenn sie ihrer Kindergartenliebe begegnet, oder ob man wie Yauheni Korniag am liebsten taub sein möchte, wenn einem wieder eine wüste Geschichte über die einstige Freundin erzählt wird: Die erste Liebe hinterlässt Spuren und beeinflusst den weiteren Lauf des Lebens. Und die erste Liebe ist beeinflusst von ihrem Kontext.

Bei Yauheni Korniag kommt sie nur zu Stande, weil das Mädchen von seinen Alkoholikereltern zu seinen nicht ganz so abhängigen Alkoholikergrosseltern geflohen ist und sich die beiden dort auf dem Land kennen lernen. Bei Philippe Graber kommt sie nur nicht zu Stande, weil er sich von Pickeln im Gesicht und auf dem Rücken verunsichern lässt und erst Jahre später erfährt, dass die Zuneigung der Angebeteten davon nicht beeinträchtigt gewesen wäre. Ob er deswegen heute die Knutschszenen in Filmen nutzt, um sich in der Küche ein Bier zu holen, oder macht er das bloss, weil er dabei ohnehin nichts von der Handlung verpasst?

Überbordender Witz

Es sind ihre persönliche Erfahrungen, die die Schauspieler aus der Schweiz und Weissrussland schildern. Daraus ergeben sich vier unterschiedliche Tonarten und Darstellungsweisen, deren Brücke der Übersetzer Andreas Kerbs auf kompetente Weise schlägt. Philippe Graber besticht durch überbordenden Witz, ausgeklügelte Mimik und treffsichere Situationskomik, während sich bei Yauheni Korniag Schalk und Verletzlichkeit souverän vereinen. Alesia Samachavec berichtet mit berührender, ruhiger Emotionalität, und Francesca Tappa lässt mit ausdrucksstarkem Pantomimenspiel und bebender Stimmkraft die Unruhen im Zürich der Achtzigerjahre wieder aufleben. So werden auf höchst unterhaltsame Art auch immer wieder eigene (zum Teil wohlweislich verdrängte) Erinnerungen geweckt.

Alexandra von Arx, Berner Zeitung; 29.01.2010

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