Die erste Liebe – ist und bleibt unvergesslich

08. Februar 2010

Ungewöhnlich ist es, die erste Liebe vor Publikum zu offenbaren. Aussergewöhnlich ist die Zusammenarbeit schweizerischer und weissrussischer Schauspieler im Theater Ticino.

Ein Tisch und einige wenige Stühle. Einstieg in das weissrussisch-schweizerische Spiel «Erste Liebe» ist ein freundliches «Hallo!» des jungen Yauheni Korniag. Dann ein Überlegen, bevor er die Zuschauer mit einem verbalen russischen Wortschwall überschwemmt. Gemeinsam mit Alesia Samachavec vom Zeitgenössischen Künstlerischen Theater Minsk sowie Schauspielern des Theaters Marie in Aarau beginnt er, von seiner Kindergartenzeit zu erzählen, als das Dessert Kefir mit süssen Waffeln eine grosse Rolle spielte – seine erste Liebe.

Francescas erste Liebe war Marlene, Kindergärtnerin in der Roten Fabrik. Die grosse Nase, die ausdrucksvollen Augen, die rot geschminkten Lippen wie auch der Heimwehgeistsirup für jene Kinder, denen es schwer fiel, von zu Hause fernzubleiben, hatten sich in Francescas Herz eingebrannt.

An die Stelle von Francesca Tappa vom Theater Marie, die krankheitshalber nicht auftreten konnte, trat Regisseur Nils Torpus. Der äusserlich nicht sonderlich feminine Regisseur schlüpfte in die Rolle der schönen Francesca – ein optischer Widerspruch, der immer wieder für ein Schmunzeln sorgte.

Was wäre, wenn..?

Witz und Ernsthaftigkeit färbten die Darstellung der ersten Liebe von Philippe Graber vom Theater Marie. Seine heimliche Liebe zu Jasmin im Teenageralter scheiterte daran, dass sie aufgrund seiner Schüchternheit gar nichts von seiner Zuneigung bemerkt hatte. Bei einem zufälligen Wiedersehen Jahre später stellte sich heraus, dass auch sie den Philippe gemocht hatte. Was wäre geschehen, wenn er damals den Mut aufgebracht hätte, ihr seine Liebe zu gestehen? Wäre er heute der Gatte an ihrer Seite?

Sie bewegte und war bewegt, ihre Stimme zitterte. Während der Erzählung von Alesia Samachavec herrschte komplette Ruhe im Publikum. Ihre erste grosse Liebe: eine ganz profunde Gotteserfahrung.

Endstation Theater Ticino 

Die «Erste Liebe» – sie ist nicht nur Theater im eigentlichen Sinne, sondern auch Dokumentation von vier unterschiedlichen Leben, die durch die verschiedenen Herkunftsorte gezeichnet sind. Disziplin und strenge Regeln in einem Minsker Kindergarten und das weit verbreitete Alkoholproblem, der langsame Tanzsong «Eternal Flame» der Gruppe Bangles sowie die Rufe «Züri brännt, mached usem Staat – Gurkesalat!» zeugen von den verschiedenen geografischen Wurzeln.

Für das Verstehen zwischen Russisch und Deutsch sorgt die ständige Übersetzung von Andreas Kerbs. Die Rolle, die dem Dolmetscher dabei zukommt, ist interessant, ist sie doch keineswegs auf das reine Übersetzen reduziert. Er wird in das Spiel miteinbezogen, ist genauso artistisch präsent wie die anderen vier Schauspieler.

«Erste Liebe» ist die erste internationale Produktion in dieser Form. Regisseur Nils Torpus: «Die anfangs bestehenden Ängste, dass das Projekt aufgrund sprachlicher und kultureller Unterschiede scheitern könnte, haben sich nicht bewahrheitet. Die Produktion war eine sensationelle Erfahrung. Sie ist unbedingt zu wiederholen.»

Marianne Bolt Geromin, Zürichsee-Zeitung, 8. Februar 2010

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