Theater Marie
Anbandeln mit Weissrussland
Ob man sich in Zürich verliebt oder in Minsk, macht einen Unterschied. Das zeigt das Stück, welches das Theater Marie mit Schauspielern aus Belarus inszeniert.
Man könnte von einem weissen Fleck sprechen. Denn viel erfährt man gemeinhin nicht von Weissrussland oder Belarus, dieser letzten Diktatur Europas, wie sie auch bezeichnet wird. Geschweige denn von ihrem Theater. Kaum etwas wusste auch Nils Torpus, der Regisseur und Leiter des Theaters Marie, als er 2007 zum ersten Mal nach Weissrussland reiste. Angst habe er gehabt, erzählt er, doch das habe sich dann bei den weiteren Besuchen geändert – als man am Leben der weissrussischen Schauspieler teilnahm, mit ihnen arbeitete und Feste feierte. Die Annäherung an das Fremde: Das war der ursprüngliche Beweggrund, der Torpus und sein Team veranlasste, den Kontakt mit Belarus zu suchen und daselbst ein Theaterprojekt zu lancieren. «Der Gedanke dazu kam uns, als Christoph Blocher noch im Bundesrat sass: Wir wollten ein Zeichen setzen, die Begegnung suchen und mit einer ausländischen Gruppe zusammenarbeiten», sagt Torpus.
Klassisches Sprechtheater
Dass es dann Weissrussland wurde, hat mit bestehenden Kulturkontakten des Kantons Aargau zu tun, die das Theater Marie schliesslich zum Zeitgenössischen Künstlerischen Theater Minsk führten. Zuvor hatte sich Torpus allerdings viele Inszenierungen angesehen – «der Stil mutet in unseren Augen altertümlich an, es ist klassisches Sprechtheater à la Stanislawski». Doch fasziniert hat Torpus die handwerkliche Qualität der Schauspieler – und das Fehlen von Ironie: «Wenn in Weissrussland eine Liebesszene gespielt wird, dann fliesst wirklich Herzblut auf der Bühne. Dort ist eine Liebeserklärung nicht wie bei uns ein augenzwinkernder Abklatsch aus einer Fernsehserie.»
Um Herzblut geht es auch in «Erste Liebe», dem Stück, das gemeinsam mit zwei weissrussischen Schauspielern und einer Ko-Regisseurin zustande gekommen ist. Darin erzählen die Akteure Alesia Samachavec, Yauheni Korniag, Francesca Tappa und Philippe Graber von ihrer ersten Liebeserfahrung, im Stil des Dokumentartheaters. Ein Übersetzer, der quasi als Figur agiert, vermittelt zwischen den Sprachen.
Zensur und Subversion
Dass das Thema unverfänglich ist, war Torpus bewusst – unverfänglich im positiven Sinn, wie er sagt. Er wollte bewusst nichts Politisches machen, denn er sei kein politischer Mensch. Und über die erste Liebe weiss jeder zu berichten, egal ob in Weissrussland oder in der Schweiz. Bei den ersten Proben habe man denn auch festgestellt, dass Menschen schnell miteinander vertraut werden, wenn sie über ihre erste Zuneigung sprechen. Fremd war den weissrussischen Künstlern zunächst höchstens der Arbeitsprozess – der Umstand, dass in der Schweiz ein Theaterstück oft erst während der Proben entwickelt wird. Denn in Weissrussland gibt es eine Zensur, die alles Regimekritische untersagt. Schon zum Vornherein muss ein Regisseur deshalb sein Stück dem Intendanten zur Genehmigung vorlegen; während der Proben wird daran nicht mehr viel verändert. In der Generalprobe dann wird das Stück von der Zensurbehörde abgenommen – und entweder freigegeben oder verboten. Kein Wunder, dass unter diesen Umständen manche Künstler eine subversive Raffinesse entwickelt haben und etwa, wenn sie über Religion sprechen, den Staat meinen.
Was bin ich?
Das Gesellschaftspolitische scheint auch bei «Erste Liebe» eher auf den zweiten Blick durch, und dennoch sagen auch die privaten, individuellen Liebesgeschichten viel aus über den Kontext, in dem sie möglich wurden. So erzählt Francesca Tappa von der Liebe zu ihrer Kindergärtnerin. Die Schauspielerin des Theaters Marie ging in der Roten Fabrik in die Vorschule, in den bewegten Achtzigerjahren, als die Kindergärtnerin mit ihren Schützlingen indianisch angehauchte Rituale machte und alles ziemlich wild zu und her ging. Auch die erste Liebe des Weissrussen Yauheni Korniag gedieh im Kindergarten, in einem Hort voller Disziplin und Gehorsam jedoch. Alesia Samachavecs erste Liebe war jene zu Gott, etwas Ungewöhnliches in einem Land, in dem noch heute die Meinung vorherrscht, der Glaube sei etwas für Dumme. «Als Alesia uns ihre Geschichte erzählte, weinte sie. Denn sie hatte sie vorher noch nie erzählt», erinnert sich Nils Torpus. «So etwas ist natürlich auf der Bühne nicht wiederholbar. Aber darum geht es uns auch: um die Frage, was eine Biografie ist, was wirklich wahr ist, woran man sich erinnert und wie man diese Erinnerungen verändert.»
Letzten November wurde «Erste Liebe» in Weissrussland gezeigt. Die Reaktionen waren unterschiedlich: Während das Publikum in Minsk angetan war, wurde das Stück in der Provinz, so Torpus, nicht verstanden: «Dort hat das Theater offenbar eine andere Aufgabe. Es soll Sehnsüchte abbilden, grosse Bilder finden für Träume und Hoffnungen. Hier in der Schweiz fühlt man sich mehr zum Klaren, Einfachen hingezogen. ,Erste Liebe hat uns bewusst gemacht, dass Theater immer aus der jeweiligen Gesellschaft heraus entsteht, in der man lebt.»
Regula Fuchs, Der Bund; 21.01.2010