MOBY DICK
Inhaltliche Ausrichtung
Die Zurückhaltung gegenüber Fremden spüren wir allgemein stark bei der Auswahl unserer Stücke. Inszenierungen mit Aargauer oder Schweizer Autoren oder Schweizer Themen erhalten grundsätzlich mehr Zuspruch, als von unbekannten ausländischen Autoren. Mit Moby Dick haben wir populäre Weltliteratur gewählt. Zumindest den Namen hat schon jeder gehört, wahrscheinlich weiss man auch, dass es um die Jagd auf einen Wal geht. Vielleicht hat man einen Film gesehen, ein Kinderbuch gelesen. Wie viele den Roman von Melville wirklich gelesen haben, wissen wir nicht. Wir hoffen der Titel spricht auch Zuschauer an, die nicht oft ins Theater (oder unser Theater) gehen und wir hoffen dass wir ihnen dann ein spezielles Theatererlebnis bieten können. Aus der Vielzahl von Themen die ein solcher Roman bietet, wollen wir unseren Schwerpunkt auf die Begegnung mit dem Fremden legen: Die Angst vor dem Fremden.
Ziemlich zu beginn des Romans wird die Begegnung von Ismael und seinem baldigen Busenfreund Quiqueg beschrieben. Er muss sich in ein schon belegtes Zimmer einquartieren lassen. In diesem Zimmer hat es nur ein Bett, er wird mit diesem Fremden dort übernachten. Die Beschreibung der Ängste, die Ismael beim Eintritt und der Beobachtung dieses fremden Wilden hat, versteckt unter seiner Bettdecke, sucht in der Literatur ihres gleichen. Sie ruft Ängste hervor, die man als Kind alleine im Bett hatte, wenn die Kleider über dem Stuhl zu Monstern wurden. So ist Ismael auf seiner Reise immer wieder mit neuen, fremden Situationen konfrontiert.
Auch den Hauptstrang des Romans, wollen wir in diese Richtung interpretieren: Kapitän Ahab will Rache an dem weissen Wal Moby Dick ausüben, der ihm beim letzen Aufeinandertreffen ein Bein abgerissen hat. Moby Dick wird für ihn das Sinnbild des Bösen, welches es um jeden Preis zu töten gilt. Gerade aus heutiger Sicht, wo Wale als sehr intelligente und schützenswerte Wesen gelten, ist diese Rache vor allem schrecklicher Krieg und löst ambivalente Gefühle aus. Der Wal wird offensichtlich stigmatisiert als das Böse schlechthin. Muster die heute nicht nur in der Weltpolitik geläufig sind...
Umsetzung
Der Roman ist eine Ich-Erzählung, der Erzähler der Matrose Ismael. Diese Erzählform wird jedoch immer wieder durchbrochen, wird durchsetzt mit wissenschaftlichen und anderen Exkursen – die immer wieder wie eingeschobene Essays oder Traktate wirken – und mit dramatischen Szenen, die wie bei einem Theaterstück Regieanweisungen enthalten und die durchgehend dialogisch gestaltet sind.
In den erzählerischen und essayistischen Abschnitten gibt es oft lange, verschachtelte Satzperioden, die von zahlreichen literarischen und biblischen Anspielungen durchzogen sind und häufig in komplexen Metaphern enden. Melville bedient sich dabei einer Vielfalt stilistischer Mittel und kombiniert mehrere Fachsprachen - die des Walfangs, der Seefahrt, der religiösen, wissenschaftlichen und lyrischen Sprache - und eine Reihe von Dialekten und Soziolekten.
Der Stoff muss also gar nicht dekonstruiert werden, er ist in seiner Struktur schon sehr modern. Es bestehen durch seine Form schon sehr viele Möglichkeiten von Umsetzungen, ohne dem Stoff Gewalt anzutun. Diesem Umstand wollen wir Rechnung tragen. Die Inszenierung wird Szenisches Spiel der Darsteller, poetisches Figuren und Objekttheater, Philosophischen Vortrag und wissenschaftliche Abhandlung verbinden. Dies in einem Masse, dass man trotzdem mit Spannung der Abenteuergeschichte folgt (Der Roman ist aus heutiger Sicht zu ausführlich).
Die Bühne wird ein sich aus Flight Cases entpuppender Miniatur Kosmos. Ein Bühnenmobil von höchstens drei auf vier Metern. Ein Objekt das die Weltmeere in einem Aquarium fasst und Orkane mit sechs Föhnen und einer Nebelmaschine darzustellen weiss. Es wird zum realistischen Seziertisch eines Miniwales, Kajütentisch für die Schauspieler die Ismael und Kapitän Ahab darstellen, um dann wieder zu schrumpfen und die Selben als Figurentheater weiter zu spielen.
Die Schauspieler betätigen sich als szenische Darsteller, Figurenspieler, Musiker und Performer. Tendenziell werden pathetische, hochdramatische, tief romantische und philosophische Szenen durch Figuren dargestellt. Emotionale, realistische, wissenschaftliche Szenen wie auch der Erzähler Ismael von den Schauspielern direkt gespielt.
Die ganze Bühne plus Beleuchtung ist in diese Flight Cases eingebaut und lässt sich durch einfaches öffnen der Kisten spielbereit machen.
Miriam Japp wird als Schauspielerin mit ihrem exzellenten Umgang mit Sprache ein Schwergewicht als Erzählerin erhalten. Michael Schwyter hat am Theater in Hildesheim selbst einige Figurentheater entwickelt und wird diese Fähigkeit hier einbringen können. Renato Grob, Andy Giger und Nils Torpus werden sich als eingespieltes Team der Bühnenkonstruktion widmen.
Unsere Fassung des Romans, wie das Bühnenmodul werden zum Probebeginn bereits fertig gestellt sein.
Nils Torpus im Dezember 2009




