HERZZEIT
Inhalt
Der Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan von 1948 bis 1961 ist das Dokument einer Beziehung, die in keine gemeinsame Existenz mündet, einer Beziehung also, die als gescheiterte Liebe gelten könnte. Demgegenüber wird der Briefwechsel hier als Zeugnis einer intensiven sprachlichen Begegnung gelesen, ja mehr noch: als Liebesbeziehung in der Sprache selber.
Und Du Inge? Arbeitest Du? Sag mir doch etwas darüber, ja? Und Deine Pläne? Lass mich alles wissen, was mitteilbar ist, und darüber hinaus vielleicht manchmal eines von den der leiseren Worten, die sich einfinden, wenn man allein ist und nur in die Ferne sprechen kann. Ich tue dann dasselbe. Das Lichteste dieser Stunde! Paul
(30. Oktober 1951)
Thematik
Für Celan und Bachmann ist Sprache Trennung und Verständigung zugleich. Indem sie ihn überwindet, reißt die Sprache zugleich einen Abstand auf. Bachmann geht es im Schreiben um das „wahrhaben“ und „wahrmachen“ des Schmerzes, sie will „sehend werden“; Celan „blieb inmitten der Verluste dies eine: die Sprache“, eine Sprache aber, die „hindurchgehen musste durch ihre eigenen Antwortlosigkeiten, (…) durch furchtbares Verstummen“.
Herzzeit ist keine Lesung, sondern eher ein Portrait und Collage. Nach einer Definition des Malers Francis Bacon ist das Portrait Ergebnis einer intensiven Auseinandersetzung, die nichts mit realistischer Abbildung und schon gar nichts damit zu tun hat, die Portraitierten so wieder zu erkennen, wie sie gemäß eines Klischees zu sein hätten, zum Beispiel des Klischees der romantischen oder gescheiterten Liebe. In unserem Sinne geht es darum, Ingeborg Bachmann und Paul Celan in ihrem Anderssein zu erfassen, in einer Fremdheit und Nähe, in der sie sich gegenseitig und damit auch den Zuschauern begegnen. Eine Collage wiederum ist eine inszenierte Begegnung von Unterschieden, und zugleich, wie Max Ernst das gesagt hat, „der Funke Poesie, welcher bei der Annäherung dieser Realitäten überspringt.“ So wechseln die Stimmen und Rollen, Bilder ziehen wie Träume vorbei, ein Rhythmus von Tönungen wird hörbar, den die Musik gliedert und unterstreicht: Liebe und Trennung, Annäherung und Schweigen, Erfüllung und Verfehlen.
Sehr eindrücklich zeigen die Briefe, wie untrennbar Ingeborg Bachmann und Paul Celan Leben und Werk verstanden haben, sie tauschen sich intensiv über ihre Arbeit aus. Wir werden die Auswahl der Briefe mit Gedichten verbinden und so den künstlerischen Dialog erweitern.
Es erscheinen in ihrem Gespräch aber auch immer wieder die verstummten und schweigenden Momente dieser Beziehung. Ende 1961 brechen der Briefkontakt und die persönlichen Begegnungen ab.
Komposition
Das musikalische Konzept der österreichischen Komponistin Katharina Klement öffnet in dieser eindringlichen Produktion zusätzlich Räume ins Aussertextliche.
Einigen ausgewählten Gedichten spürt sie assoziativ und formal im Medium Musik nach, setzt damit markante und autonome statements, und lässt den Abend zu einem starken akustischen Ereignis werden.
Der Theaterabend besteht aus einfachen Bühnenelementen wie einem Tisch, Stühlen und Lampen, die Schauspielerinnen konzentrieren sich ganz auf die Sprache und vermitteln in einem gedanklichen Raum die Dimension dieser Texte.
Umsetzung
Der Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan von 1948 bis 1961 ist ein bewegendes Zeugnis der Begegnung und Beziehung zweier bedeutender Dichter des 20. Jahrhunderts, das Zeugnis einer Beziehung, die in keine gemeinsame Existenz mündet.
Das legt auf den ersten Blick nahe, die Briefe als literarische Dokumente eines Scheiterns an der Realität oder gar als traurigen Ersatz für etwas zu lesen, was in der Realität nicht möglich war. Tatsächlich haben sich Ingeborg Bachmann und Paul Celan, nach der leidenschaftlichen ersten Begegnung im Mai und Juni 1948 in Wien, nicht allzu oft getroffen, und die Begegnungen endeten, wie jenes im Oktober 1950 in Paris, als Debakel oder entfachten, wie 1957 in Wien, einen emotionalen Sturm, der nicht lebbar war.
Dem gegenüber will das Projekt den Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan primär als eine intensive sprachliche Begegnung oder mehr noch: als eine Liebesbeziehung in der Sprache selber interpretieren. Es orientiert sich dabei an einer Formell des jüdischen Literaten und Philosophen Maurice Blanchot: „….wenn es tatsächlich eine unendliche Trennung gibt, dann ist es die Aufgabe der Sprache, daraus den Ort der Verständigung zu machen, und wenn es einen unüberwindlichen Abgrund gibt, dann überquert die Sprache den Abgrund. Der Abstand ist nicht beseitigt, er ist noch nicht einmal verringert, er ist im Gegenteil bewahrt und rein erhalten durch die Strenge der Sprache, die das Absolute der Differenz bestärkt.“
Diese Differenz bewohnt die Sprach- und Liebesbeziehung zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan: Am Anfang widmet Celan Bachmann sein Gedicht „In Ägypten“, das Liebe und Schreiben nach der Shoa thematisiert, und damit in der extremsten Nähe zugleich den größtmöglichen Abstand zwischen der Tochter eines Täters und dem gerade noch entkommenen Sohn eines Opfers aufreißt. Über diesen Abgrund hinweg beginnt der Briefwechsel, in dem es gerade nicht um einen gemeinsamen Nenner oder eine erfüllte Gemeinsamkeit geht, sondern, zugespitzt ausgedrückt, um die Gemeinsamkeit dessen, was beide nicht an Gemeinsamkeit besitzen. Und genau das ist seit Platons Symposion eine der Bestimmungen des Eros, eines Dämons, der nicht aus der Nähe, sondern aus dem Abstand, nicht aus der Wirklichkeit, sondern aus dem Möglichen lebt.
Der zuerst zögernde Briefwechsel verdichtet sich und folgt einem Rhythmus, in dem sich verschiedene Phasen mit je unterschiedlicher Tönung unterscheiden lassen: Sehnsucht, unbedingte Liebe, Trennung, Schweigen, Annäherung usw. Die Briefe erzählen von der Suche nach Nähe, von den Hoffnungen auf gegenseitiges Verstehen, von der Möglichkeit und Unmöglichkeit der Liebe und der Sprache. Wenn die Einsicht von Maurice Blanchot hier zutrifft, die Sprache selber wäre das verheißene Land, in dem die Existenz und die gegenseitige Fremdheit sich im Aufenthalt erfüllen, dann wäre der Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan vielleicht sogar das Dokument einer gelungenen Begegnung und damit einer erfüllten Liebe.
Für mich bist Du aus Indien oder einem noch ferneren, dunklen, braunen Land, für mich bist Du Wüste und Meer und alles was Geheimnis ist. Ich weiss noch immer nichts von Dir und hab darum oft Angst um Dich, ich kann mir nicht vorstellen, dass Du irgend etwas tun sollst, was wir andern hier tun, ich sollte ein Schloss für uns haben und Dich zu mir holen, damit Du mein verwunschener Herr drin sein kannst, wir werden viele Teppiche drin haben und Musik, und die Liebe erfinden.
(Wien, 24. 6. 1959, Ingeborg Bachmann)
