Reiseberichte
Beweggründe
Auf der Suche nach einer sinnvollen Zusammenarbeit mit einem anderen Land und deren Menschen sind wir auf Weissrussland gestossen. Nach zwei Reisen nach Belarus haben wir in dem Zeitgenössischen Künstlerischen Theater Minsk unseren Koproduktionspartner gefunden. Es mag Länder geben, mit denen eine Zusammenarbeit einfacher wäre, doch die letzte europäische Diktatur lässt einen nochmals anders über das Leben nachdenken, über Demokratie, Gastfreundschaft und Theater.
Wir haben uns für das Thema „Erste Liebe“ entschieden. Wie unterschiedlich die Erfahrungen der ersten Liebe auch sein mögen, die damit verbundenen Hoffnungen und Enttäuschungen sind in Weissrussland und der Schweiz die Selben. Das Thema ist politisch unverfänglich (und somit können wir das Stück, was wichtig ist, auch in Weissrussland spielen) und doch erfahren wir innerhalb der Geschichten sehr viel über das Land und die Lebensumstände die dort herrschen.
1. Reise nach Minsk, Weissrussland 15. bis 20. April 2007
Erfahrungsbericht/Reflektion zur eigenen Theaterarbeit
Neben der hohen schauspielerischen Qualität war für mich vor allem wohltuend, dass die Inszenierungen, die wir in Weissrussland gesehen haben, völlig ohne Ironie auskamen, ein Stilmittel, welches sich im deutschsprachigen Gegenwartstheater einer hohen Beliebtheit erfreut. Die Inszenierungen haben oft fast archaisch anmutende Formen, die bei uns völlig aus der Mode sind und kaum funktionieren würden. Aber ich bezweifle, dass unsere Inszenierungen in Weissrussland besser verstanden würden. So stehen sich, durch die Theaterarbeit repräsentiert, zwei sehr verschiedene Kulturen mit ihren politischen Systemen gegenüber.
Bei uns Freiheit und Wohlstand: ich kann sagen, was ich will, aber es wurde schon so viel gesagt, dass ich darüber leicht vergessen kann, was eigentlich noch gesagt werden müsste. Eine Übersättigung an Informationen, ein daraus resultierendes Desinteresse und ein Abdriften in eine Spass- und Eventkultur.
Daneben Weissrussland, die letzte europäische Diktatur, in der jede Inszenierung von einer Zensurbehörde abgenommen werden muss (in einer solchen Extra-Vorstellung vor der Premiere waren wir), und somit die Gefahr besteht, dass sie verboten wird. Die Inszenierung eines weissrussischen Autoren wurde abgesetzt, weil dieser bei einer Demonstration gesichtet wurde (stattdessen, wurde von denselben Schauspielern am besagten Abend „Was ihr wollt“ gegeben mit einer, unter diesen Umständen, sensationellen Spiellust). Ein Land also, in dem nichts Regimekritisches gesagt werden darf und eine grosse Energie darauf verwendet wird, Wege zu finden, es trotzdem zu sagen, ohne dass es verboten wird.
2. Reise nach Minsk 9. bis 16. November 2008
Bericht über Workshop und Casting
Der Workshop war ein Erfolg. Ängste, dass die Zeit des Workshops damit verbracht werden müsste, die unterschiedlichen Spielstile auszuloten, waren unbegründet. Wir konnten gleich mit dem Thema „Erste Liebe“ beginnen. Die Hoffnung, mit dem Thema mögliche Kulturbarrieren zu überwinden, funktionierte sehr gut. Dadurch, dass jede/r SchauspielerIn sein erstes Liebeserlebnis erzählt hat, war sehr bald eine grosse Nähe da. Auch bestätigte sich die Annahme, dass man in den Erzählungen unweigerlich etwas über Weissrussland und die dortigen Lebensumstände erfährt. Durch den direkten Kontakt in der Arbeit mit den Schauspielern wurde die bei der ersten Reise noch stark empfundene Beengung durch das politische System relativiert. Nach dem Casting haben wir uns für die Schauspieler Alesia Samachavec und Yauheni Korniag entschieden. Ausschlag gebend waren die Art und Weise der Präsentation ihrer ersten Liebe und die Geschichten selber.
3. Reise nach Minsk und Kiev 17. bis 24. Mai 2009
Umsetzung
Das Material der Inszenierung sind die vier ersten Lieben von Alesia Samachavec, Yauheni Korniag, Francesca Tappa und Philippe Graber. Im Mai sind wir wieder nach Minsk gereist und haben die Liebesgeschichten von Alesia und Yauheni recherchiert und dokumentiert. Im Sommer kommen sie dann mit ihrem Material für eine Probezeit von sechs Wochen in die Schweiz.
Der Workshop hat gezeigt, welche Intimität durch das Erzählen der Liebesgeschichten entstehen kann. Diese Qualität werden wir nutzen und fein austesten wie viel dokumentarisches Material (Gegenstände, Bilder, Filmaufnahmen) neben den Geschichten überhaupt notwendig ist. Im Zentrum der Inszenierung steht auf alle Fälle das Erzählen der Liebesgeschichten.
Eine wichtige Rolle im Stück kommt dem Übersetzer (Andreas Kerbs) zu. Der Workshop hat gezeigt welch spannende Rolle der Übersetzer spielt. Auf der Bühne wird z.B. eine emotionale Liebesgeschichte auf Russisch erzählt, daneben sitzt hoch konzentriert die Dolmetscherin (Polina Tschernucho) und übersetzt simultan ins Deutsche. Sie sondert nur Sprache ab, emotionslose Sätze, in einer selten erreichten Klarheit, Sprache pur, grossartig. Die russische Sprache wird zum emotionalen Körper, wird befreit vom Inhalt, der daneben als Extraktion in Deutsch abläuft. Eine grosse Qualität.
In den Proben werden wir auch die Möglichkeit prüfen Geschichten zu vertauschen, so dass z.B. Francesca Tappa die Geschichte von Alesia Samachavec spielt und umgekehrt.
Weiter möchten wir eine erfundene Liebesgeschichte unter den Schauspielern einflechten und so die Dokumentation in einer Fiktion enden lassen.
Nils Torpus, Mai 2009