Reisebericht Tschernobyl
Ein grünes Licht sagt: You are clean.
Du warst in Tschernobyl? Die Reaktion ist immer dieselbe. Staunen, Unglauben und dann vielleicht noch ein Witz über die Gesundheit, die jetzt wohl zum Teufel sei.
Ein schöner Frühsommermorgen in Kiew, auf dem Kreschtschatik, dem zentralen Boulevard der Stadt, ist noch kaum Verkehr. Vor dem Eingang des Hotels Dnipro stehen und sitzen rund vierzig Leute, sichtlich Westler, allenthalben gutes Schuhwerk und praktische Kleidung, im Daypack steckt die Wasserflasche. Auffällig an diesem Morgen mit seinem Reiseziel die schön gebogene Palme mit dem grünen Schriftzug IPANEMA BEACH HOUSE. Auch dieser junge Mann wird sich später etwas über sein T-Shirt ziehen.
Der silberblaue Reisebus ist schon vorgefahren. Der Besitzer des Reiseunternehmens SoloEastTravel und Leiter der heutigen Tour heisst Sergei. Er kassiert Dollars und hakt die Teilnehmerliste ab. Auf dem Namenschild an seiner Brust ist gross das Warnzeichen für Radioaktivität abgebildet – eine erste Gelegenheit, auf den Auslöser zu drücken. Ein Blick über Sergeis Schulter zeigt, wo’s heute hingeht, da will die ganze Welt hinfahren, die männliche zumindest: Auf der Teilnehmerliste finden sich die Länder USA, Portugal, Kanada, Belgien, Schweden, Australien, Holland, Finnland, Südafrika, Japan, Grossbritannien und die Schweiz, doch unter rund vierzig Männernamen nur zwei von Frauen.
Man hat im Bus Platz genommen. Einer fehlt. Der liegt im Bett und schläft seinen Rausch aus, melden die Kollegen. Gelächter. Next washroom in two hours, sagt Sergei. Wer muss, darf schnell zurück ins Hotel. Niemand muss, und es geht los, hinunter an den Dnjepr und am Hafen vorbei über eine weit geschwungene Betonbrücke stadtauswärts. In die Häuserzeilen der Vororte kommen Lücken und bald sieht es aus, wie fast überall in der Ukraine, grün, flach und menschenleer. Das Wetter hat rasch gewechselt und wird wieder wechseln, jetzt sind Wolken aufgezogen und es regnet. Im Bus ist die Aufgekratztheit vom Anfang einer allgemeinen Schläfrigkeit gewichen. Die Stimmen, die noch zu hören sind, stammen vom Bordvideo. Dort läuft „Battle of Chernobyl“, eine Dokumentation mit Bildern vom Reaktor und den Hubschraubern, aus denen Sand und Blei in die Flammen geworfen werden. Dann sind auf verschwommenen Videosequenzen die Bewohner von Pripjat zu sehen, zuerst als normale Bewohner einer sowjetischen Stadt beim Flanieren und Kinderwagenstossen, dann beim Besteigen der Busse am Tag der Evakuation. Es spricht der General, der damals seine Männer zum Aufräumen ins verseuchte Gelände abkommandierte. Eigentlich sollten Robotor zum Einsatz kommen, aber die sind bald stehen geblieben. Die Strahlung hatte ihre Elektronik zerstört. Also hatten Menschen die Arbeit zu tun, die jemand tun musste, ausgerüstet mit ausgerüstet, aber ohne Schutzanzüge oder Atemmasken. Auch Michael Gorbatschow ist zu hören, der letzte Machthaber eines Weltreiches, dessen Untergang durch die Katastrophe in Tschernobyl weiter beschleunigt wurde.
120 Kilometer nördlich von Kiew liegt eine Barriere über der Strasse, hinter der sich die Dreissigkilometer-Zone erstreckt, auch die Todeszone genannt. Natürlich ist es reine Willkür, den tödlichen Folgen des Unfalls einen Radius abzustecken. Die Karte der kontaminierten Gebiete ist ein Fleckenteppich, dessen Muster der Zufall von Wind und Niederschlag bestimmt hat und sich über ganz Europa ausbreitet. Das Wetter in den Tagen nach dem Unfall hat sich so auf Jahrtausende in die Erde gebrannt. Neben der Barriere steht ein Kontrollhäuschen und neben dem ein kleines, auf drei Pfosten gesetztes Golddach, unter dem eine Madonna steht. Gibt es eine Schutzheilige, die bei radioaktiver Strahlung hilft, so wie es zum Beispiel die Heilige Barbara gibt für Bergleute und Tunnelbauer? Sergei weiss ausnahmsweise keine Auskunft.
Hinter der Barriere fährt der Bus durch dasselbe Grün, dieselben Bäume wie vor der Barriere. Dann kommen breite Feuerschneisen in den Blick, die in den Wald geschlagen sind. Feuer ist die grosse Gefahr in der Zone, weil die Flammen die kontaminierte Erde in die Luft saugen und davontragen. Sergei zeigt auf ein hübsches, grün umwachsenes Holzhaus. Dort wohnen Rückkehrer, sagt er. Der Bus fährt langsamer fürs Foto. Viele ehemalige Bewohner, vor allem ältere Menschen sind in die Zone zurückgekehrt, sie werden hier in Ruhe gelassen. Daneben leben 3000 Leute offiziell in der Zone, Überwachungspersonal, Feuerwehrmänner, Arbeiter, die die Löcher flicken im Schutzmantel aus Beton und Eisen, der um den Unfallreaktor gelegt wurde. Und bis ins Jahr 2000 wurde in einem der vier Reaktoren von Tschernobyl noch Strom produziert.
Irgendwo in Kiew sucht vielleicht ein junger Mann im Hotelzimmer die Tabletten gegen seinen Kater. Es fällt ihm ein, dass er den Tagestrip nach Tschernobyl verpasst hat, er öffnet die Nachttischschublade. Dort sind die Tabletten auch nicht. Seine beiden Kumpane im Bus verrenken sich in den Sitzen. Sie ziehen dünne, weisse Schutzanzüge über ihre Kleider, dann über die Augen Skibrillen und über die Hände gelbe Gummihandschuhe. Was nach einer launigen Performance aussieht, ist ernst gemeint. Die beiden werden ihre Montur erst beim Verlassen des Busses in Kiew wieder ablegen.
Der Bus biegt von der Strasse ab. Links ein einstöckiger Kasten aus gelbem Blech. Das Hotel von Tschernobyl, sagt Sergei. Man kann neuerdings auch über Nacht in der Zone bleiben. Ein paar Häuser, eine Strasse, ein Passant in Uniform, viel Gras und Gebüsch. Das ist die Stadt, die so berühmt ist wie New York oder Paris. Deren Name ebenso mythisch schwingt wie der Name von New York oder Paris. Nur eben negativ und Furcht erregend. So wirkt der Name, nicht aber der Ort. Der ist ruhig und vollkommen unspektakulär. Aber das Kätzlein streicheln, das uns beim Aussteigen begrüsst, das macht man dann doch nicht.
Chernobyl is clean, sagt Sergei. Clean, das heisst, nur wenig Strahlen, im Gegensatz zu andern Orten, den so genannten hotspots, also Flecken mit massiv erhöhter Strahlung, oder im Elementarenglisch von Sergei: Some places are not really clean. Unten im Haus gibt’s das versprochene WC und im ersten Stock einen Fotoband zum Verkauf, das einzige, was man aus der Zone mitnehmen darf. Das gehört zu den Regeln hier, von denen es eine ganze Reihe gibt. Man darf nichts berühren, sich nicht hinsetzen, nicht rauchen, weder essen noch Drogen konsumieren und auch keine Waffen herumtragen. Schliesslich gibt es einen Dress-Code: No sandals, no shorts, no tank-tops.
Auf einem Blatt sind die Verbote aufgelistet. Wir unterschreiben und verzichten auf jede Art von Schadenersatzforderung, falls nach der Reise Probleme mit der Gesundheit oder der Fotoausrüstung auftreten sollten.
Nachdem eine weitere Barriere passiert ist, gibt es an einem Fluss den ersten Zwischenhalt mit Blick auf die Grossbaustelle für Reaktor fünf, – seit 23 Jahren das gleiche Bild einer riesigen Betonmasse, in der ein paar Kräne stecken. Sergei hält den Geigerzähler ins Gras hinter der Leitplanke: 165 Mikroröntgen. Das ist ungefähr die Strahlung, der man ausgesetzt ist, sobald das Flugzeug seine Reisehöhe in elf Kilometern Höhe erreicht hat, wo die Atmosphäre dünn ist und ihr Schutz gegen die kosmische Strahlung entsprechend verringert.
Die Fotos sind geschossen, es geht weiter. Linkerhand weit gestreckte Anlagen mit Masten, Transformatoren und Leitungsgewirr, aber fotografieren darf man jetzt, weshalb auch immer, nur nach rechts. Rechts ist der Fluss und eine Eisenbahnbrücke darüber. Der Bus hält, Sergei eilt auf die Brücke, wirft Brot ins Wasser. Sie sind da. Er winkt uns auf die Brücke. Immer Wasser bewegen sich Fische. Es sind, so wird den Fischunkundigen erklärt, für ihre Art sehr grosse Welse. Und gross sind sie nicht wegen irgendwelcher Mutationen, sondern weil die natürlichen Feinde fehlen.
Der schon ältere Soldat, der uns als Helfer und Aufpasser folgt, raucht die erste von noch vielen Zigaretten. Er trägt eine Uniform und ein Käppi mit Tarnmuster. Was mir zuerst nicht auffällt, sind seine Stiefel mit ihrer dünnen Sohle ohne Profil.
Der nächste Halt ist auf einem Parkplatz direkt vor dem Reaktor, beziehungsweise dem Sarkophag wie der löchrig gewordene Eisenbetonmantel heisst, der um ihn herumgebaut wurde. Bis 2011 soll über das Ganze eine weitere, dichte Hülle gezogen werden. Woher die über eine Milliarde Dollars kommen sollen, die das kostet, ist noch offen. Über ein paar Stufen gelangt man zu einem Denkmal für die Arbeiter, die beim Löschen des Reaktors ihr Leben verloren. Das ist der beste Ort fürs Foto mit sich selber drauf und der weltberühmten Sphinx, dem weltberühmten Taj Mahal, dem weltberühmte Matthorn, das an diesem Tag ein hässlicher Klotz aus Beton und Stahl ist. Nicht nur der Japaner reicht seine Kamera weiter, um an dieses Foto zu kommen. Die beiden in den weissen Überzügen fotografieren sich gegenseitig. Sie haben sich von Sergei den Geigerzähler ausgeliehen. Gehalten im gelben Abwaschhandschuh zeigt der jetzt 500 Mikroröntgen an. Jemand wickelt einen Plastikzwerg aus einem Stofftuch und fotografiert ihn in der ausgestreckten Hand. Der Zwerg gehöre einem Freund und reise um die ganze Welt, lautet die Auskunft.
Pripjat liegt nur wenige Kilometer von den Atomreaktoren entfernt und wurde als Modellstadt und Vorzeigeprojekt der Sowjetunion für die Beschäftigten in den Kernkraftanlagen gebaut. Die fast 50 000 Bewohner von Pripjat waren gut gebildet, im Schnitt nur 26 Jahre alt und erlebten einen Babyboom. Sie gehören zu den insgesamt 350 000 Menschen aus Weissrussland, der Ukraine und Russland, die nach dem 26. April 1986 ihre unbewohnbar gewordenen Häuser, ihre Dörfer und Städte für immer verlassen mussten.
Der Bus fährt langsam auf einer der holprig gewordenen Strasse von Pripjat. Links und rechts dichtes Gebüsch und Bäume, manchmal durch eine Lücke der Blick auf eine Hochhausfassade. Wir steigen aus und haben eine halbe Stunde Zeit für die Besichtigung eines Schulhauses. Ein Blick in die Turnhalle mit dem aufgebogenen und zersplitterten Lattenboden. Medizinbälle liegen verstreut wie weiss verschimmelte Früchte. Über drei Stockwerke erstrecken sich die Gänge und Klassenzimmer. Schulhefte am Boden und auf den Pulten. Überall Staub und Glassplitter. Die Neonröhren an den Decken sehen fast neu aus, ihre Fassungen sind verrostet. American and english writers, steht auf einer Wandtafel. Von einem Globus ist der obere Teil weggesprengt. An den Wänden Malerei mit den Motiven: Erntearbeiter, Sportler, Lenin. In der ehemaligen Bibliothek stecken die schiefen Gestelle in den meterhoch liegenden Büchern. Auf den Gängen wachsen armlange Baumtriebe durch die Ritzen. Überall Farbsplitter und Glasscherben.
Was beim Gang durchs Schulhaus beeindruckt, hat mit der Verseuchung nur indirekt zu tun. So sieht es überall aus, wenn zwanzig Jahre lang die Fenster offen stehen und niemand mehr da ist, der putzt und stutzt. Einigen der herum liegenden Puppen glaubt man allerdings nicht, dass sie schon so viele Jahre Wind und Wetter hinter sich haben. Und dem Zufall, dass von einer herumliegenden Prawda ausgerechnet die Titelseite übrig geblieben ist, hat wohl auch jemand nachgeholfen. Hier ist für den Fotoapparat der Touristen dieses und jenes hinzugekommen, der Rest der Stadt wurde ausgeräumt. Bis auf die Steckdosen hinunter ist alles verschwunden, was sich irgendwie zu Geld machen lässt und steht bis heute in zahllosen Stuben, die bewohnt sind – Fernseher, Lampen, Sessel, Bücher, Kaffeemühlen, Teller aus Pripjat, die weiter strahlen wie alles von hier, Jahrzehnte und Jahrhunderte und über Zeiträume hinweg, für die nach menschlichem Massstab nur das Wörtlein „ewig“ passt.
Man kommt aus dem Schulhaus und ist froh um den Soldaten, der einem mit der Zigarette die Richtung weist durch die zugewachsenen Pfade hin zum Bus. Der fährt ein Stück, dann geht es wieder zu Fuss weiter, an der offenen Front eines Supermarktes vorbei. Im Halbdunkel stehen die Warenbänder, die Kassen, die Einkaufswagen. Die Tiefkühltruhen liegen da wie offene Särge, aus denen böse Geister entwichen sind. In den Glasscherben auf dem Asphalt ist die Form der hingefallenen Scheibe noch erkennbar. Es scheint wieder die Sonne, im Wind blinkt das frische Laub der Birken auf dem Platz. Die weissen Stämme, keiner älter als 23 Jahre, gleichen noch biegsamen Ruten. Neben ein bisschen Vogelgezwitscher ist es vollkommen, aber nicht unheimlich ruhig. Es stellt sich kein Schaudern und kein Grausen ein. Vielleicht weil radioaktive Strahlung sinnlich nicht erfahrbar ist, vielleicht, weil hier Menschen weder starben noch gequält wurden, sondern einfach gingen. Dann fehlt auch jede Infrastruktur des Mahnens und Gedenkens: keine Tafeln, Vitrinen oder Skulpturen, kein Informationsstand, nur die leere, ihrem Zerfall und der Rückeroberung durch die Natur überlassene Stadt.
My hand is already burning, sagt Sergei, der den Geigerzähler über einen Moosfleck hält und dann an einen Interessierten weiter reicht. Das Gerät zeigt 1093 Mikroröntgen an. Anders als Menschen gehören Moose zu den Organismen, die radioaktive Strahlung akkumulieren. Wir nähern uns dem Rummelplatz von Pripjat. Der Anstrich der Autoscooter ist zu einem Gelb ausgebleicht. Dass die Wagen einmal rot und blau und grün waren, kann man nur noch ahnen. Dass sie nie benutzt wurden, sieht man ihnen nicht an. Auch das Riesenrad hat sich nie gedreht, und in den Gondeln, die aussehen wie gelbe Kuchenförmchen, hat nie jemand Platz genommen. Am Tag der Arbeit des Jahres 1986 sollte der Rummelplatz eröffnet werden. Vier Tage vorher ging der Reaktor in die Luft, ein Tag vorher wurde die Stadt geräumt. Das Tragegestell des Riesenrades ist rot von Rost. Wann der Tag kommt, an dem das Rad aus seiner Halterung bricht und die Gondeln zu Boden fallen, ist schwer abzuschätzen. Sicher ist nur, er wird kommen.
Über den Parkplatz geht’s zum Bus. Am andern Ende des Platzes ist die nächste Touristengruppe zu sehen und auf dem Asphalt Ameisen. Wie die Fische im Fluss sind sie auffällig gross. Ob aus gleichen oder anderen Gründen, das ist vielleicht eine Frage der Lebenseinstellung. Mit dem Geigerzähler kontrolliert Sergei bei allen die Schuhsohlen. Einige müssen noch mal Dreck aus den Rillen stampfen, dann erst dürfen sie hinein in den Bus. Der Soldat mit seinen flachen Sohlen hat dieses Problem nicht.
Man ist hungrig, aber vor dem Eintritt in die Betriebskantine von Tschernobyl muss eine weitere Kontrolle passiert werden. Man stellt sich auf ein Gerät und hält die Hände an die dafür bestimmten Flächen. Es leuchtet ein grünes Licht: You are clean. Das Essen ist gut und reichlich und das Kantinenpersonal sichtlich amüsiert über die beiden Vermummten in unserer Gruppe. Neben mir sitzen zwei Schweden und tun das, weil sie sich für Atomkraftwerke interessieren, wie sie sagen. In Rumänien sind sie schon auf einem Reaktor vom gleichen Bautyp wie dem von Tschernobyl gestanden und spürten die Hitze unter den Füssen.
Der Buschauffeur startet den Motor und gibt damit das internationale Zeichen zum Aufbruch. Fahrt durch die Todeszone Richtung Ausgang. Auf einer Wiese steht ein braunes Pferd. Ein vertrautes Bild in der ukrainischen Landschaft, so vereinzelt stehende Pferde, Kühe oder Ziegen. Der Bus hält an der Barriere. Während wir alle noch einmal durch das Strahlenkontrollgerät müssen, fährt ein Uniformierter mit einem Detektor über das Profil der Busreifen und die Unterseite der Karosserie. Anderthalb Stunden später hält der Bus in Kiew vor dem Hotel Dnjpro, Sergei verabschiedet sich knapp und eilt davon. Rund vierzig Menschen, die nun auch schon in Tschernobyl gewesen sind, zerstreuen sich in ihre Hotels und nach ein paar Tagen über den ganzen Erdball.
Gerhard Meister, Der kleine Bund; 29. August 2009
