BILDBESCHREIBUNG

THEMEN UND PRINZIPIEN VON BILDBESCHREIBUNG

 

Der Tod

«Kommt Zeit, kommt Tod.» sagte Heiner Müller. Theater habe die Aufgabe, die Toten zu begraben. Der Grund für Theater sei, mit dem Tod zu spielen, denn es sei der einzige Raum, in dem man mit dem Tod spielen könne: Auf der Bühne kann erlebt werden, wie man stirbt und wieder aufersteht. Ein schweres Thema nimmt hier spielerische Komponenten an, mit Lust werden Tode imaginiert und wieder aufgelöst. So kommt in BILDBESCHREIBUNG die Frau aus dem Totenreich oder geht dahin zurück. Sie wurde, wird soeben oder demnächst ermordet. Sie ist tot, wird sterben oder aufersteht ein weiteres Mal. Wenn man tatsächlich stirbt, ist dies nicht möglich. Beim letzten übermächtigen Gefühl, der eigenen Beerdigung, ist man nicht mehr dabei. Nicht mal hören könne man den eigenen Tod, sagte Heiner Müller.

Die Zeit und das ewig Wiederkehrende

Aus einer Gegenwart heraus entwickelt sich in BILDBESCHREIBUNG ein Zeitgeschehen, das mit biblischen, griechischen und mythischen Bildern verknüpft wird. Es wird eine Allgegenwart, eine Bilderlandschaft des Jenseits und des Irdischen in einem beschrieben. Die Zeit wird in Zeitraffern, Zeitlupe und in Momente zwischen dem Blinzeln zerlegt. Geschwindigkeiten lösen sich auf und aus einem stehenden Bild entstehen endlos weitere Bilder. Die Grenzen zwischen Vergangenheit und Zukunft lösen sich auf, ebenso zwischen Mensch und Tier, Mann und Frau, Leben und Tod, Mord und Ermordeter. So wird alles eins und eine chronologische Abfolge von Zeit und Geschichte hat es nie gegeben. In BILDBESCHREIBUNG findet sich ein weiteres typisches Thema von Müller: Zerstörung als eine Art Hoffnung, da nur dadurch Neues entstehen könne. «Der Mensch ist etwas, in das man hineinschiesst, bis der Mensch aufsteht aus den Trümmern des Menschen.» Unheil müsse im Theater so lange wiederholt werden, bis dieses Unheil selber müde werde. So hofft BILDBESCHREIBUNG, dass sich nicht alles wiederhole, sucht die «Lücke im Ablauf, das Andre in der Wiederkehr des Gleichen, das Stottern im sprachlosen Text.» «ICH HABE DIR GESAGT, DU SOLLST NICHT WIEDERKOMMEN TOT IST TOT.»

Versuche der Rekonstruktion

BILDBESCHREIBUNG entwirft Bild um Bild und kreiert eine Plattform an Möglichkeiten und Variationen einer Erzählung. Diese Vielschichtigkeit schlägt sich im Text nieder und auch in der Stimme, die spricht. Man weiss nicht, ob nur ein ICH spricht, ob mehrere ICHs oder ob überhaupt ein Wesen hinter dem Text steht. Diese Aufteilung auf verschiedene Wesen, Möglichkeiten und Stimmen ist ein spielerisches Element, das sich für eine performative Bühnenumsetzung anbietet.

Das Akkustische

Müller baut Dramatik nicht auf, sondern ab. Vorgänge wiederholen sich endlos, in Varianten, alle Grausamkeiten werden wieder und wieder getan, bis sie auf Null gehen. Diese Katharsis (Läuterung, Reinigung), die Müller in BILDBESCHREIBUNG beschreibt, die Art von Erschöpfung, die entsteht, ist eine Aufgabe für die Musik. Alexander Kluge, deutscher Schriftsteller, Kulturtheoretiker und Filmemacher sagt im Gespräch mit Heiner Müller, es sei «nichts erledigt, man kann es nicht verstanden haben, und gleichzeitig kann man es nicht erzählen. Deswegen bleibt nur die Repetition. Mit Musik, mit Geräusch, mit Schweigen, mit Reden.» Müller sagt, ihm sei fast jeder Theaterabend zu lang, es werde zu viel Zeit verwendet, um zu einem Bild zu gelangen. Ihm gehe es darum, in wenigen Sätzen zu stehenden Bildern zu kommen, so genannten Tableaux. Kluge folgert daraus gegenüber Müller: «So dass du eigentlich erst mal so einen Anschub schreiben musst (als Libretto), dass das auf eine ganz bestimmte Kunstzeit sich erstreckt, für die es sich nach Ansicht des Zuschauers lohnt, bis zum Theater zu fahren. Danach kannst du die Dinge eigentlich der Musik überlassen, Begriffe bilden, Rede und Gegenrede entfalten und auf dem Tableau, auf einem stehenden Bild, lange verharren. Und dann wieder muss man einen Abgesang haben.» Hier wird das Akustische fürs Drama interessant, es wird zu einem Instrument, das stehende Bilder bespielt und eine andere Zeitdimension behandelt. Zeit kann man dehnen, komprimieren, überspringen, verlängern. Darin und im Umgang mit Sprache, Erzählung und Stimme von BILDBESCHREIBUNG finden sich Prinzipien, mit denen in einer performativ-akustischen Umsetzung bestens gespielt werden kann.

(Text von Renata Burckhardt)

 

 
 
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