BILDBESCHREIBUNG

TEXTWAHL IN BEZUG AUF HEINER MÜLLER

Wie kaum ein anderer Text spiegelt BILDBSCHREIBUNG wider, was Müllers Schreiben motivierte: Der Text handelt vom Verschwinden und von der Auflösung, vom Ende der Vorstellung, der aber zugleich dieses Ende abgesprochen wird. Der Text kann als ein (Alb)traum verstanden werden, aus dem der Mensch und die Schöpfung nicht herausfinden, da sich keine «Lücke im Ablauf» zeigt, kein «Loch in der Ewigkeit», kein «vielleicht erlösender Fehler».

Dieser Kreislauf des Werdens und Vergehens ist immer aktuell. Kriege und Bürgerkriege wiederholen sich trotz aller medialen Aufklärung. Genozide und Machtkämpfe gehen in endlosem Kreislauf weiter. Umweltkatastrophen kann man vorausberechnen, sie wiederholen sich dennoch, der Mensch kommt nicht gegen sie an. Die Aufklärung, die Erfahrungen des zweiten Weltkriegs, die Informationsflut – haben sie alle nichts bewirkt? Der Mensch ein Hamster in seinem Rad, dem endlos Gleichen ausgeliefert? 

BILDBESCHREIBUNG behandelt archaische Themen wie Sterben, Geschlechterkampf, Zerstörung auf radikale Weise. Die Erzählung ist weder an eine klare Zeit, noch an einen klaren Ort gebunden. Auch die Stimme des Betrachters, der den Text offensichtlich kreiert, ist ort- und körperlos. Im Text findet keine Evolution statt, leben keine Zeugen. Zuerst wird nur ein Bild beschrieben - «Eine Landschaft zwischen Steppe und Savanne, der Himmel preussisch blau», an das sich sogleich Fragen stellen. Es folgen Interpretationen, Möglichkeiten und Spiele mit der Imagination. So reihen sich dieses erste Bild und die anschliessenden Assoziationen und Bilderfolgen in einen Strom der Erinnerung, in eine Flut von Bildern ein.

BILDBESCHREIBUNB bleibt dabei ohne Gattung, Entwicklung, Rollen und Spieler; der Text ist weder Monolog, Erzählung, noch sachliche Beschreibung. Der Text ist ein einziger atemloser Satz ohne Punkt und Absatz, der formal und inhaltlich nicht Ruhen lässt und keine Sicherheit gibt – wie auch sein Autor nicht.

Heiner Müller liess sich Zeit seines Lebens weder politisch noch privat schubladisieren. Sein Leben und Werk sind voller Widersprüche. Er wurde 1929 in Sachsen geboren und starb 1995 in Berlin. Kurz vor Kriegsende 1945 musste er zum Militärdienst und geriet in amerikanische Kriegsgefangenschaft. In den fünfziger Jahren siedelte er über nach Ostberlin. Trotz seiner Sympathie für marxistisches Gedankengut und seines unbedingten Glaubens an ein funktionierendes System wie jenes der DDR, setzte sich Müller kritisch mit dem Aufbau eines sozialistischen Staates auseinander. Prompt wurde die Korruptionskomödie «Die Umsiedlerin oder das Leben auf dem Lande» aufgrund ihrer Regimekritik nach ihrer Uraufführung 1961 vom Spielplan abgesetzt und Müller aus dem DDR-Schriftstellerverband ausgeschlossen. Weitere Stücke stiessen ebenso auf die Missbilligung der DDR-Kulturfunktionäre. In der Folgezeit arbeitete Müller deswegen vorwiegend an Adaptionen griechischer Tragödien und bearbeitete Dramen William Shakespeares, damit er so Zeitkritik verschlüsselt präsentieren konnte. In einer, den Handlungsrahmen immer wieder zerstückelnden Bildsprache setzte er sich mit dem faschistischen Trauma, der deutschen Gegenwart und der Wirkungslosigkeit eines Autors innerhalb eines repressiven Systems auseinander und übte damit wieder Kritik an der Kulturpolitik der DDR. Anhand von Montage- und Reihungstechniken stellte er die gescheiterte Geschichte dar, die immer wieder als endloses Horrorkabinett aus Schlachtung und Gebären erscheint: «Die Geschichte reitet auf toten Gäulen ins Ziel». Diese Apokalyptik seiner Stücke kommt in BILDBESCHREIBUNG besonders zum Tragen.

Der 1. und 2. Weltkrieg, der kalte Krieg, das System der DDR, Verrat, Umwälzungen und viele Tode prägten das Leben und Schaffen von Heiner Müller, wie auch in besonderem Masse mehrere Selbstmordversuche und der letztendlich geglückte Selbstmord seiner ersten Frau Inge: «Sie war tot, als ich nach Hause kam. Sie lag in der Küche auf dem Steinboden […]. Ich bückte mich, hob ihr Gesicht aus dem Profil und sagte das Wort, mit dem ich sie anredete, wenn wir allein waren. Ich hatte das Gefühl, dass ich Theater spielte. Ich sah mich, an den Türrahmen gelehnt, halb gelangweilt halb belustigt einem Mann zusehen, der gegen drei Uhr früh in seiner Küche auf dem Steinboden hockte, über seine vielleicht bewusstlose vielleicht tote Frau gebeugt, ihren Kopf mit den Händen hochhielt und mit ihr sprach wie mit einer Puppe für kein anderes Publikum als mich.» Für den traumatisierten Überlebenden gibt es nur ein lebenslängliches Verdrängen oder die Orpheus-Option eines kunstvollen Wiederholens. Müller entscheidet sich für Letzteres. Mit der unerfüllten, unabänderlichen Lebensgeschichte findet er seinen schöpferischen Raum der Möglichkeiten. Er will die erstarrten Verhältnisse zum Tanzen bringen und ein Stillleben, ein Bild revitalisieren. So begreift er das Drama an sich als «Totenbeschwörung», als eine Art «Ruhestörung». Auch dies kommt auf extreme Weise in BILDBESCHREIBUNG zum Tragen, wo eine gestorbene Frau wieder und wieder auftaucht: «die Frau noch beschwert vom Gewicht der Graberde, aus der sie sich herausgearbeitet hat, um den Mann zu besuchen.» Dieses hartnäckige Konfrontieren mit dem Thema Tod, der in unserer Gesellschaft wenig Platz findet, ist, was Text und Autor immer wieder interessant macht für eine Umsetzung.

(Text von Renata Burckhardt)

 
 
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