BILDBESCHREIBUNG

KURZPORTRAITS
Verbaler Trailer
Man stelle sich vor: Alles, was geschieht, geschehen ist und wird, sei festgefroren in einem einzigen Augenblick. Ein Weinglas fällt vom Tisch, zerbricht und setzt sich gleichzeitig wieder zusammen. Eine Frau wird erwürgt und taucht gleichzeitig wieder auf, ein Mann schläft mit der Frau und tritt gleichzeitig aus dem Haus, um zur Arbeit zu schreiten. Lebende sind schon tot, Tote wieder lebend; die Kreatur bewegt sich in einem ewigen Kreislauf, in dem die Dimensionen Chronologie und Zeit nicht existieren.
Zitat von Heiner Müller
«Der Dialog mit den Toten darf nicht abreißen, bis sie herausgeben, was an Zukunft mit ihnen begraben worden ist (...) Kunst stammt aus und wurzelt in der Kommunikation mit dem Tod und den Toten. Es geht darum, daß die Toten einen Platz bekommen. Das ist eigentlich Kultur.»
Kurzer Auszug aus Bildbeschreibung
« (...) vielleicht steht DIE SONNE dort immer und IN EWIGKEIT: dass sie sich bewegt, ist aus dem Bild nicht zu beweisen, auch die Wolken, wenn es Wolken sind, schwimmen vielleicht auf der Stelle, das Drahtskelett ihre Befestigung an einem fleckig blauen Brett mit der willkürlichen Bezeichnung HIMMEL, auf einem Baumast sitzt ein Vogel, das Laub verbirgt seine Identität, es kann ein Geier sein oder ein Pfau oder ein Geier mit Pfauenkopf, Blick und Schnabel gegen eine Frau gerichtet, von der die rechte Bildhälfte beherrscht wird, ihr Kopf teilt den Gebirgszug, das Gesicht ist sanft, sehr jung, die Nase überlang, mit einer Schwellung an der Wurzel, vielleicht von einem Faustschlag, der Blick auf den Boden gerichtet, als ob er ein Bild nicht vergessen kann und oder ein andres nicht sehen will (...) »
Text und Bild und Musik kreieren Theater
Da ist diese Landschaft, die Heiner Müller mit BILDBESCHREIBUNG entwirft. Der Text, dessen auslösendes Moment eine Malerei einer Kunststudentin gewesen sein soll, führt in eine Müllersche Gedankenwelt, in welcher die Themen Zerstörung, Tod, Geschlechterkampf, Erneuerung als endlos sich wiederholende Elemente existieren. Zu Beginn entwirft BILDBESCHREIBUNG eine vielleicht reale Landschaft: «Eine Landschaft zwischen Steppe und Savanne, der Himmel preussisch blau, zwei riesige Wolken schwimmen darin (...)». Dann geht der Text über in die Beschreibung eines Glaspokals, eines Tisches, einer Frau, die bald eine auferstehende Tote sein könnte und schon ist man mitten drin: Bild für Bild wird von neuem überschrieben, was die Sprache soeben kreiert hat. Bestehende Bilder werden in Frage gestellt, verworfen und existieren dennoch alle gleichzeitig.
Diese Prinzipien der Wiederholung und Gleichzeitigkeit sind auch Merkmale des Musikalischen und Geräuschhaften. So wird BILDBESCHREIBUNG in der Inszenierung nicht alleine in eine sprachliche Landschaft umgesetzt, sondern mithilfe eines Komponisten auch in eine akustische. In einer Art Versuchslabor wird die Stimme der Textperfomerin auf verschiedene Tonträger ausgelagert, übereinander gelegt, multipliziert und ergibt zusammen mit Kompositionen eine Gesamtpartitur.
Text kreiert Bild, Bild kreiert Musik, alle drei Komponenten kreieren Theater. BILDBESCHREIBUNG jongliert mit Sprache, stellt lustvoll Assoziationen her, kreiert Satz für Satz Welten – und das ist Theater pur. So entsteht ein akustisch-performativer Theaterabend, in dem grosse Themen wie der Tod und die Toten, Geschlechterkampf, Macht, Wiederauferstehung mit kreativer Neugier behandelt werden.
(Texte von Renata Burckhardt)
Ensemble
Unterstützt durch:
Aargauer Kuratorium, Stadt Aarau, Kulturkommission Suhrerchopf
