BILDBESCHREIBUNG

- Renata Burckhardt

- Miriam Japp
INTERVIEW MIT RENATA BURCKHARDT UND MIRIAM JAPP
1. FRAGE: Wie ist Heiner Müllers Text BILDBESCHREIBUNG zu euch oder ihr zu ihm gekommen?
Renata Burckhardt: Das erste Mal hat mich vor bald 10 Jahren ein Schauspieler in Göttingen gefragt, ob ich den Text mit ihm erarbeiten würde. Seither habe ich jährlich mit dem Text zu tun, weil ich ihn aus Überzeugung den Studierenden der HGK Basel immer wieder vorlege, zur Beschäftigung mit etwas, was nicht so leicht konsumierbar ist wie so Vieles sonst. Dann hat mich Miriam Japp drauf angesprochen: «Kennst du Bildbeschreibung von Heiner Müller?». Da musste ich kurz lachen.
Miriam Japp: Vor ein paar Monaten gab mir Nils Torpus den Text, und zwar mit einer besonderen Geste, so als käme er aus seiner persönlichen Schatztruhe. Wir sprachen damals über Heiner Müllers Stück QUARTETT und suchten nach weiteren Stücktexten. Dabei erinnerte ich mich, dass ich Bildbeschreibung mit Anfang 20 einmal gelesen hatte, auch wie einen Schatz, glaube ich, der mich faszinierte, den ich aber nur schwer erfassen konnte.
2. FRAGE: Welchen Eindruck hat der Text bei euch hinterlassen, nachdem ihr ihn zum ersten Mal gelesen habt?
Renata Burckhardt: Bilder, Bilder und nochmals Bilder. Hitze und Verlorenheit. Und eine totale Zuneigung, die ich nicht einordnen konnte.
Miriam Japp: Der Text ist ja geschrieben als ein einziger langer Satz ohne Abschnitte oder Punkte bis zum Ende. Das erzeugt einen Sog, dem man sich kaum entziehen kann. An manchen Stellen öffnet sich der Text, wird porös, lässt einen hinein, an anderen Stellen verschliesst er sich einem wieder. Er ist voller Widersprüchlichkeiten. Auf eine Setzung folgt wieder eine Aufhebung. Er wirkt wie ein unendlicher Bilderstrom
3. FRAGE: Was ist aus eurer Sicht das Besondere an diesem Text? Was hebt ihn von anderen Texten ab?
Renata Burckhardt: Er erklärt nicht, er fragt und verunsichert. Er schaltet alles Spezifische aus, was von seinen wesentlichen Themen ablenken könnte. Die Sprache macht, dass sich der Text immer tiefer und tiefer in die Themen reinbohrt, nicht lockerlässt. Das macht ihn auf seine Weise gnadenlos und archaisch. Müller hierzu: «Es ist sicher ein Problem, […] ob Kunst überhaupt human ist. Sie ist es nicht. Sie hat nichts damit zu tun.»
Miriam Japp: Inhaltlich geht es in Bildbeschreibung um grosse Themen wie Leben und Tod, die Geschlechter, deren Kampf und Begehren, um die Toten und um das Verschwinden, geschrieben in einer Sprache voller Vitalität und in der für Müller typischen Klarheit und Nüchternheit. Es geht aber auch – und das macht ihn als Theatertext interessant – um die Kraft der Bilder und um das Spielerische ihrer Variationen. Das eigene Vorstellungsvermögen hört irgendwann auf und auch die Vorstellungen selbst, die Bilder am Ende des Lebens und am Rande des Ichs. Das vermittelt dieser Text in einer Sprache, wie wir sie vielleicht träumen oder denken, wenn wir sterben.
4. FRAGE: Woher stammt der Wunsch oder das Bedürfnis, vielleicht sogar die Dringlichkeit, diesen nicht ganz einfachen Text sprachlich zu bearbeiten?
Renata Burckhardt: Die Lust, sich nicht einschüchtern zu lassen und sich die Freiheit herauszunehmen, den Text mit einem eigenem Fokus zu erarbeiten. Mit einem Fokus, der auch das Leichte und Humorvolle ins Licht rücken wird! Dieses Zitat von Müller liebe ich besonders: «Ich finde fast alle meine Stücke relativ komisch. Ich wundere mich immer wieder, dass diese Komik so wenig bemerkt und benutzt wird. […] Aber es gibt eine so feierliche Haltung dem Text gegenüber, die die Leute daran hindert, die Klamotte zu entdecken. Dabei ist doch auch Charleys Tante drin.» Nach Müllers Dramentheorie ist ein Theatertext nicht primär dazu da, Inhalte und Ideen zu transportieren, sondern ist auch «Melodie» und «Beat». Gute Texte leben von ihrem Rhythmus und strahlen ihre Information über diesen Rhythmus ab, und nicht über die Mitteilung. Dies möchte ich aufgreifen und weitertreiben.
Miriam Japp: Die Faszination und die Lust an der Sprache ist ein wichtiger Motor. Das ist wie eine Reise für Hirn und Herz, und je besser der Text, um so spannender die Reise. Bei Heiner Müller geht es neben allgemeingültigen Themen immer auch um politische Fragen, um Krieg, um Gewalt. Das macht den Text hochaktuell. Mit Renata Burckhardt, die sich mit Heiner Müller immer wieder beschäftigt und die als Autorin mit sprachlichen Landschaften und als Regisseurin mit dem performativen Umsetzen vertraut ist, entstand praktisch ein «must», eine Umsetzung von BILDBESCHREIBUNG zu realisieren.
5. FRAGE: Welchen Ansprüchen, die der Text per se stellt, möchtet ihr gerecht werden? Oder anders gefragt: Welchen Schwierigkeiten, denkt ihr, werdet ihr bei der sprachlichen Umsetzung dieses Textes begegnen?
Renata Burckhardt: Die Sprache ist schneller als alles tatsächlich Vorhandene und mit BILDBESCHREIBUNG kommt das besonders stark zum Ausdruck: ein Bühnenbild, die Präsenz einer Schauspielerin, die Herstellung einer Illusion können nur langsamer sein als dieser Text, der lustvoll Satz für Satz neue Realitäten entwirft. Diesen Bildern und Realitäten kann ich im tatsächlichen Raum nicht gerecht werden. Das Prinzip des Fragestellens und des Verwerfens von Realitäten möchte ich auf eine andere Weise verfolgen, abstrakter und mit Hilfe von Kompositionen. Und genau da wird auch die Herausforderung liegen, dass ein Publikum bei den vielen verschiedenen Fragen und Bildern mitgehen kann und will.
Miriam Japp: Eine Schwierigkeit des Textes scheinen mir die Positionen der Schauspielerin zu sein, denn es gibt keine Figur, keine Rolle. Sicher erfordert es auch eine grosse Konzentration, mit dem Text umzugehen. Er kommt ja dem Phänomen der Erinnerung und somit dem des Vergessens sehr nahe. Ein wichtiger Punkt bei der Erarbeitung wird auch die Leichtigkeit und die Entdeckung der Langsamkeit sein.
6. FRAGE: Der Text BILDBESCHREIBUNG von Heiner Müller ist ohne Frage ein in sich abgeschlossenes Meisterwerk. Wie lassen sich also die beiden zusätzlichen Dimensionen Inszenierung und Musik rechtfertigen? Und warum nicht einfach eine Lesung machen?
Renata Burckhardt: Ich lasse mich nicht vom Meisterwerk beeindrucken, weil ich glaube, dass es nicht nur in Form einer Lesung, sondern auch auf eine andere Weise interessant erschlossen werden kann. Dabei geht es mir auch nicht ums Zusätzliche oder um eine Überfrachtung des Textes, und auch nicht darum, dass der Text alleine nicht ausreichen würde, sondern darum, der Schwere des Textes und der Überforderung, die er auslösen kann, anders zu begegnen, leichter, spielerischer, in Form einer Versuchsanordnung und einer Partitur. So dass der Druck, der auf dem mitunter schwer zugänglichen Text lasten kann, hoffentlich auch etwas Anderem weichen kann: Genuss und Lust. Diese Lust entspringt dem Text, er alleine animiert dazu, teilweise ganz gezielt, wie ja auch Müller sagt: «Rhythmus und Beat.»
Miriam Japp: Ein Meisterwerk ja, gut gesagt. Der Text ist in seinem Kern dramatisch, auch wenn er sich meiner Meinung nach auf einer Grenze des Theatralischen und Sprachlichen bewegt. Die Inszenierung und die Musik ermöglichen es, in Bild und Klang jenseits dieser Grenze den Raum für die vielschichtigen Assoziationen dieses Textes zu schaffen und auf der Ebene der Zeitdimensionen weitere Möglichkeiten zu haben.
(Interview von Annette von Goumoëns)
